EZB vor entscheidender Sitzung: Herausforderungen und Strategien
Inflationsbekämpfung und wirtschaftliche Stabilität im Fokus der Notenbanker.

Die Europäische Zentralbank (EZB) steht vor einer entscheidenden Sitzung, während die Inflation allmählich nachlässt. EZB-Präsidentin Christine Lagarde steht dabei vor der Herausforderung, die Inflation weiter zu drosseln, obwohl Ökonomen nicht mit einem schnellen Erfolg rechnen. Die jüngsten Inflationsdaten lassen darauf schließen, dass die Notenbanker der EZB auf dem richtigen Weg sind. Im Juni sank die Inflationsrate leicht auf 2,5 Prozent, wie das Statistikamt Eurostat bestätigte. Dennoch bleibt die Frage, ob eine weitere Zinssenkung ansteht, offen.
Im Mai war die Inflation zwischenzeitlich auf 2,6 Prozent gestiegen, und das Lohnwachstum zog ebenfalls an. Trotzdem initiierte der EZB-Rat mit der ersten Zinssenkung seit 2019 die Zinswende. Ziel ist eine dauerhafte Rückkehr zu einer Inflationsrate von zwei Prozent. Trotz der Fortschritte – vor einem Jahr lag die Teuerungsrate bei mehr als fünf Prozent, vor zwei Jahren bei mehr als zehn Prozent – wird es laut EZB-eigenen Prognosen und Einschätzungen von Bundesbank und externen Ökonomen noch über ein Jahr dauern, dieses Ziel zu erreichen. Der Internationale Währungsfonds warnt zudem vor möglichen Rückschlägen.
Carsten Brzeski von der Bank ING beschreibt die Motivlage der Notenbanker kurz vor der Sommerpause: „Das wichtigste, wenn nicht sogar das einzige Ziel wird sein, einen sanften Start in die Urlaubssaison zu haben.“ Dabei stellt sich die Frage, wann die EZB die Zinswende fortsetzen wird. Äußerungen von Euro-Notenbankern, wie etwa vom niederländischen Notenbankchef Klaas Knot, deuten darauf hin, dass eine Zinssenkung am Donnerstag ausgeschlossen ist. Knot betonte, dass die nächste Sitzung im September stattfinden wird, bei der alles wieder offen sei.
Selbst Vertreter einer eher lockeren Geldpolitik räumen ein, dass diesmal nichts passieren dürfte. Christine Lagarde erklärte bei einer Konferenz in Sintra, dass es Zeit brauche, um ausreichend Daten zu sammeln. Wegen der guten Lage am Arbeitsmarkt könne man sich diese Zeit nehmen. Mark Wall von der Deutschen Bank erwartet, dass die EZB den Märkten keine Hinweise geben will, um nicht Gefahr zu laufen, sich später korrigieren zu müssen. Die grundsätzliche Marschrichtung solle jedoch klar sein.
An den Finanzmärkten wird die Sitzung im September als geeigneter Zeitpunkt zur Fortsetzung der Zinswende betrachtet. Händler preisen eine zweite Zinssenkung zu diesem Zeitpunkt aktuell mit einer Wahrscheinlichkeit von circa 75 Prozent ein. Die Befürworter niedrigerer Zinsen, auch Tauben genannt, müssen jedoch noch Überzeugungsarbeit im EZB-Rat leisten. Christian Schulz von der US-Bank Citi sieht die Beweislast für Zinssenkungen weiterhin bei den Tauben. Bundesbankchef Joachim Nagel gehört zu jenen, die noch überzeugt werden müssen.
Ein weiteres Problem für die EZB sind die Wahlen in Frankreich und die Sorgen um die Staatsfinanzen des Landes. Unsichere Machtverhältnisse in Paris könnten dazu führen, dass Defizit und Schulden nicht wie vorgeschrieben zurückgefahren werden. Die EU-Kommission hat gerade erst ein Defizitverfahren gegen Frankreich eröffnet. Die Fiskalpolitik war bei der Bekämpfung der Inflation bisher keine große Hilfe, wie Notenbanker Knot kritisierte. Frankreichs Notenbankchef Francois Villeroy de Galhau warnte vor den teuren Plänen des Linksbündnisses. Lagarde dürfte ebenfalls auf die Lage in ihrem Heimatland angesprochen werden.
