EZB-Rat Kocher warnt: Zinsschritt ohne Inflationsverbesserung unvermeidlich
EZB-Ratsmitglied Martin Kocher sieht bei ausbleibender Inflationsverbesserung keinen Weg an einem baldigen Zinsschritt vorbei.

Die Europäische Zentralbank steht nach Einschätzung von EZB-Ratsmitglied Martin Kocher vor einer wichtigen geldpolitischen Weichenstellung. In einem Interview mit der Schweizer „Neuen Zürcher Zeitung" machte der österreichische Notenbankchef deutlich, dass die EZB die Zinssätze bald anpassen müsse, falls sich die Inflationsaussichten nicht deutlich verbesserten. Der Bericht wurde am Montag veröffentlicht.
Auf die Frage, ob er den Markterwartungen zustimme, wonach die EZB die Zinsen im Juni anheben werde, antwortete Kocher unmissverständlich: „Sollte sich die Situation jedoch nicht signifikant verbessern, wird an einem Zinsschritt in naher Zukunft kein Weg vorbeiführen." Gleichzeitig betonte er, es sei wenig sinnvoll, der nächsten Entscheidung der EZB Wochen vor der Zinssitzung am 11. Juni vorzugreifen.
Energiepreise und der Iran-Konflikt als zentrale Risikofaktoren
Kocher verwies auf die durch den Iran-Konflikt steigenden Energiepreise als wesentlichen Unsicherheitsfaktor. Er räumte ein, dass es zwar vertretbar gewesen sei, dass die EZB im April von einer Zinserhöhung abgesehen habe. Allerdings dürfe die Notenbank mit einer Straffung der Geldpolitik nicht zu lange warten, falls sich die Energiepreise nicht rasch und deutlich entspannten.
Besonders im Blick hat Kocher mögliche Zweitrundeneffekte – also die Gefahr, dass dauerhaft hohe Energiepreise zu steigenden Löhnen und damit zu einer breiteren Inflation führen. Er merkte an, dass es in Europa seit Kriegsbeginn noch nicht viele Lohnverhandlungen gegeben habe. „Klar ist: Wenn sich der Krieg hinzieht und die Energiepreise hoch bleiben, steigt das Risiko von Zweitrundeneffekten", so Kocher. Allerdings könnten sich diese Auswirkungen von dem Inflationsschub der Jahre 2021–22 unterscheiden, da die Nachfrage derzeit schwächer sei.
Stagflationsrisiko für Deutschland und Österreich
Besonders besorgniserregend ist Kochers Einschätzung zur wirtschaftlichen Lage in der Region. Er erklärte, die Erholung in Deutschland und Österreich sei durch den Nahostkonflikt gefährdet worden, während die Inflationsrisiken gleichzeitig zugenommen hätten. Stagflation bezeichnet dabei das gefährliche Zusammentreffen von wirtschaftlicher Stagnation und anhaltend hoher Inflation – ein Szenario, das Notenbanken vor besonders schwierige Entscheidungen stellt.
„Das Risiko einer stagflationären Entwicklung kann also nicht ausgeschlossen werden, auch wenn die Wirtschaft und der Arbeitsmarkt weiterhin widerstandsfähig sind", sagte Kocher. Er betonte jedoch, dass die Dauer des Konflikts entscheidend sein werde: „Entscheidend wird sein, wie lange der Konflikt andauert."
Für deutsche Anleger und Sparer sind Kochers Aussagen von unmittelbarer Relevanz. Eine mögliche Zinserhöhung der EZB im Juni würde sowohl Kreditzinsen als auch Renditen auf Spareinlagen und Anleihen beeinflussen. Die Märkte beobachten die Signale aus dem EZB-Rat daher mit großer Aufmerksamkeit – insbesondere angesichts der anhaltenden geopolitischen Unsicherheiten rund um den Iran-Konflikt.
