Evelyn Palla soll neue Bahnchefin werden
Marode Infrastruktur, Baustellen und Milliardenbedarf prägen den Neustart an der DB-Spitze

Die bisherige Chefin der Bahnsparte DB Regio, Evelyn Palla, soll an die Spitze der Deutschen Bahn rücken. Nach Angaben aus Regierungs- und Aufsichtsratskreisen hat Bundesverkehrsminister Patrick Schnieder sie für die Nachfolge von Richard Lutz vorgeschlagen, der den Konzern seit 2017 geführt hat. Die formale Berufung obliegt dem Aufsichtsrat, der am Dienstag zusammentritt. Die Entscheidung fällt in einer Phase, in der die Bahn tiefgreifende Veränderungen plant und vor großen Herausforderungen steht.
Palla übernimmt das Unternehmen in einer schwierigen Lage. Im August waren nur rund 60 Prozent der Fernverkehrszüge pünktlich, die marode Infrastruktur gilt als Hauptursache. Hinzu kommen erhebliche wirtschaftliche Probleme: Zwar verbesserten sich die Ergebnisse zuletzt leicht, dennoch verbuchte der Konzern im ersten Halbjahr 2025 ein Minus von 760 Millionen Euro. Der Bund unterstützt die Bahn mit Milliarden, doch selbst diese Mittel reichen nach Einschätzung der Unternehmensführung nicht aus, um den Konzern zukunftssicher aufzustellen.
Ein zentraler Hebel soll die Sanierung des Schienennetzes sein. Mehr als 40 wichtige Korridore sollen bis 2036 im Rahmen sogenannter Generalsanierungen erneuert werden. Dabei werden die Strecken für Monate komplett gesperrt, um in dieser Zeit möglichst viele Arbeiten abzuschließen. Als Ausgleich versprach die Bahn mindestens fünf Jahre Baufreiheit pro Strecke, doch dieses Ziel ist ins Wanken geraten. Bereits jetzt mussten Umfänge angepasst und Zeitpläne nach hinten verschoben werden. Kurzfristig sorgen die Bauarbeiten für zusätzliche Belastungen: Viele Fernzüge fahren derzeit durch mindestens eine Baustelle. Mit einem neuen Baustellenmanagement, das sich stärker am Fahrplan orientieren soll, will der Konzern die Pünktlichkeit verbessern.
Neben der Infrastruktur setzt die Bahn auf einen tiefgreifenden Konzernumbau. Defizitäre Bereiche wie DB Cargo sollen profitabler werden, Tausende Stellen stehen auf dem Prüfstand. Die neue Strategie, die am Montag vorgestellt werden soll, trägt den Titel „Agenda für zufriedene Kunden auf der Schiene“. Im Mittelpunkt stehen Verbesserungen bei Pünktlichkeit, Sicherheit und Sauberkeit. Minister Schnieder betonte zuletzt, die Bahn müsse schneller, schlanker und wirtschaftlicher arbeiten.
Evelyn Palla bringt langjährige Erfahrung in der Branche mit. Die gebürtige Südtirolerin begann ihre Laufbahn 1997 bei Siemens in Großbritannien und wechselte später zum Chiphersteller Infineon. Danach folgten Stationen bei E.ON sowie bei den Österreichischen Bundesbahnen, wo sie im Personenverkehr Verantwortung trug. Seit 2019 arbeitet sie bei der Deutschen Bahn, zunächst in leitenden Positionen, seit 2020 als Chefin von DB Regio. Mit der anstehenden Berufung wäre sie die erste Frau an der Spitze des bundeseigenen Konzerns.
