Europäische Gewinne steigen trotz hoher Bewertungen – Anleger bleiben vorsichtig
Unternehmen überraschen positiv, doch die Aktienkurse reagieren verhalten auf die Quartalszahlen.

Die europäische Berichtssaison zeigt eine deutliche Belebung: Unternehmen, die 57% der Marktkapitalisierung repräsentieren, legten für das vierte Quartal ein durchschnittliches Gewinnwachstum von 3,9% vor. Ursprünglich hatten Analysten von LSEG I/B/E/S noch mit einem Rückgang um 1,1% gerechnet. "Insgesamt ist die EPS-Erholung auf Kurs, besonders in Europa", bestätigt Magesh Kumar Chandrasekaran, europäischer Aktienstratege bei Barclays.
Trotz dieser positiven Überraschungen reagieren die Aktienkurse verhalten. 60% der europäischen Unternehmen übertrafen zwar die Gewinnerwartungen – mehr als die üblichen 54% – doch die Kursreaktionen blieben gedämpft. Die Deutsche Bank stellte fest, dass Aktien von Unternehmen mit Gewinnüberraschungen am Veröffentlichungstag neutral notierten, während enttäuschende Zahlen zu leichten Rückgängen führten.
Bewertungen bremsen Euphorie
Carolin Raab, europäische Aktienstrategin bei der Deutschen Bank, sieht die Ursache in den aktuellen Bewertungsniveaus: "Das liegt an den höheren Bewertungen, auf denen wir uns befinden." Der europäische STOXX 600 Index notiert derzeit mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis von 15,3 – dem höchsten Stand seit Januar 2022. Bei diesen Bewertungen seien kurzfristige Rückgänge und erhöhte Nervosität typisch, auch wenn die Unternehmensausblicke solide seien.
Die Stärke des Euro bleibt ein wichtiger Faktor für europäische Unternehmen. Der STOXX 600 generiert fast 60% seiner Umsätze außerhalb Europas. Nachdem der Euro im Vormonat erstmals seit über vier Jahren über 1,20 USD stieg, haben Unternehmen diese Entwicklung bereits eingepreist. Dorian Carrell, Leiter Multi-Asset Income bei Schroders, sieht die weitere Entwicklung als weniger klar: "Von hier aus ist die zukünftige Entwicklung von Dollar und Euro weniger eindeutig, was wahrscheinlich ein Vorteil für europäische Unternehmen wäre."
Handelspolitik im Hintergrund
Die Sorgen um Handelskonflikte haben nachgelassen. Analysen von AlphaSense zeigen, dass die Zahl der Unternehmen, die in Telefonkonferenzen Zölle erwähnten, seit Mitte letzten Jahres stark zurückgegangen ist. Dennoch spüren Unternehmen die Auswirkungen. Sutanya Chedda, europäische Aktienstrategin bei UBS, beobachtet: "Einige Unternehmen geben sie an die Verbraucher weiter, während andere Einbußen bei den Margen hinnehmen müssen."
Banken überzeugen, Technologie spaltet
Banken gehören zu den wenigen Sektoren mit Gewinnwachstum im vierten Quartal. Laut Raab haben Finanzwerte im zwölften Quartal in Folge die Schätzungen übertroffen. "Wir sehen die Finanzwerte als den Sektor mit den meisten positiven Prognoseanpassungen", so die Strategin. UBS sieht Banken als "Netto-Gewinner" der Künstlichen Intelligenz, auch wenn KI die kurzfristigen Gewinnschätzungen bisher kaum beeinflusst hat.
Der Technologiesektor zeigt hingegen eine gespaltene Entwicklung. Der niederländische Halbleiterzulieferer ASML hob seine Umsatzprognose aufgrund starker KI-Nachfrage an. Im Gegensatz dazu stürzte der deutsche Softwarekonzern SAP am Tag der Ergebnisbekanntgabe um 16% ab, da Anleger die disruptiven Auswirkungen von KI auf den Softwaresektor fürchten.
Carrell von Schroders bemerkt, dass Halbleiter zuletzt deutlich besser abschnitten als Softwareunternehmen. Seine Philosophie zielt darauf ab, dort zu investieren, wo Erwartungen und Bewertungen niedrig sind: "Software wird nun günstiger bewertet als Hardware", was die aktuellen Softwarebewertungen möglicherweise als überzogen erscheinen lässt.
