EU-Satellitenprojekt Iris2: Milliardenschwere Unabhängigkeit
Deutschland zahlt am meisten, doch Frankreich profitiert industriell und technologisch

Die Europäische Union hat die Verträge für das Satellitenprojekt Iris2 unterzeichnet, das als europäisches Gegenstück zu Elon Musks Starlink-Netzwerk entwickelt wurde. Ziel des Vorhabens ist der Aufbau eines unabhängigen und leistungsfähigen Satellitennetzwerks, das sichere Internetverbindungen gewährleisten soll. Mit Kosten von elf Milliarden Euro soll das Projekt bis 2030 abgeschlossen werden. Die EU übernimmt mit rund sieben Milliarden Euro den Großteil der Finanzierung, während der private Sektor weitere vier Milliarden Euro beiträgt. Dennoch herrscht Unzufriedenheit in Deutschland, da das Land den größten Finanzierungsanteil trägt, jedoch bislang von einer geringeren industriellen Beteiligung ausgeht.
Technisch unterscheidet sich Iris2 von Starlink durch eine sogenannte Multi-Orbit-Lösung, die Satelliten in unterschiedlichen Höhen positioniert: auf niedrigen Umlaufbahnen (LEO) in bis zu 400 Kilometern, mittleren Umlaufbahnen (MEO) in mehr als 6000 Kilometern sowie weiteren LEO-Ebenen. Damit soll eine vergleichbare Leistung mit weniger Satelliten erzielt werden. Insgesamt sind 290 Satelliten geplant, davon 264 im LEO-Bereich und 18 im MEO-Bereich. Weitere zehn Satelliten sollen von Start-ups entwickelt werden, die in der Zukunft eine größere Rolle spielen könnten.
Frankreich profitiert dabei erheblich von dem Projekt. Große Raumfahrtunternehmen wie Thales und Airbus Defence and Space, deren Kompetenzen in der Satellitenproduktion in Frankreich liegen, nehmen Schlüsselpositionen ein. Nach Einschätzung von Branchenkennern entstehen etwa 50 Prozent der Wertschöpfung in Frankreich. Zudem werden die geplanten Bodenstationen voraussichtlich in Frankreich, Luxemburg und Italien gebaut. Deutsche Unternehmen wie der Satellitenhersteller OHB oder die Deutsche Telekom sind zwar beteiligt, jedoch in deutlich geringerem Umfang.
Ein wesentlicher Kritikpunkt ist die mangelnde Berücksichtigung deutscher Unternehmen, obwohl Deutschland den größten finanziellen Beitrag leistet. Experten bemängeln, dass es keine verbindlichen Regelungen zur Auftragsvergabe an mittelständische Unternehmen gibt. Der Vertrag enthält lediglich die Empfehlung, 30 Prozent der Aufträge an kleinere Firmen zu vergeben. Die deutschen Raumfahrtverbände hoffen dennoch auf eine substanzielle Beteiligung.
Die Kostenstruktur von Iris2 bleibt ein kontroverses Thema. Nachdem Deutschland ursprünglich zwölf Milliarden Euro kritisierte, wurde das Projekt auf elf Milliarden reduziert. Raumfahrtexperten erwarten dennoch, dass die tatsächlichen Kosten im Verlauf steigen werden. Zudem sind jährliche Betriebskosten von bis zu zwei Milliarden Euro zu erwarten. Trotz der Kritik bleibt das Projekt ein Meilenstein für die europäische Raumfahrt, um technologische Souveränität gegenüber den USA zu erreichen.
