Einzelhandel ringt um Rückkehr der Kunden
Onlinehandel wächst, doch Konsum bleibt wegen Verunsicherung und Preiswahrnehmung gedämpft

Die Hoffnung vieler Händler auf eine deutliche Erholung des Einzelhandels im laufenden Jahr hat sich bislang nicht erfüllt. Laut einer Umfrage des Handelsverbands Deutschland (HDE) unter rund 650 Unternehmen hat sich bei etwa der Hälfte die Geschäftslage im ersten Halbjahr im Vergleich zum Vorjahr verschlechtert. Ein Drittel berichtet von einer stabilen Lage, nur 16 Prozent sehen eine Verbesserung. Trotz dieser Zahlen hält der Verband an seiner Jahresprognose fest und erwartet ein nominales Umsatzplus von zwei Prozent – real entspräche das lediglich einem Zuwachs von 0,5 Prozent.
Die Entwicklung verläuft je nach Segment unterschiedlich. Während der stationäre Handel weiterhin mit sinkender Kundenfrequenz kämpft, legt der Onlinehandel zu. Drei Viertel der Händler berichten von weniger Kunden in ihren Geschäften innerhalb der letzten zwei Jahre, lediglich zehn Prozent verzeichnen mehr Besucher. Im E-Commerce rechnet der HDE hingegen mit einem nominalen Umsatzwachstum von vier Prozent gegenüber dem Vorjahr.
Auch innerhalb des stationären Handels zeigen sich Unterschiede: Optimistischer sind Händler im Bereich Lebensmittel, Heimtextilien sowie Uhren und Schmuck. Besonders negativ fällt die Lage bei Anbietern von Haushaltswaren, Fahrrädern und Bekleidung aus. Der Hauptgeschäftsführer des HDE, Stefan Genth, führt die allgemeine Konsumzurückhaltung auf eine gesteigerte Sparneigung der Haushalte zurück. Diese seien aus Vorsicht zurückhaltend, zumal viele Verbraucher von der wirtschaftlichen Lage verunsichert sind.
Eine Befragung des Handelsforschungsinstituts IFH Köln aus dem Mai bestätigt diese Tendenz. Knapp die Hälfte der Teilnehmer äußerte Sorgen um die eigene finanzielle Zukunft, 42 Prozent gaben an, geplante Ausgaben verschoben zu haben. Trotz gesunkener Inflationsraten bleibt die Wahrnehmung vieler Konsumenten negativ. So kosteten etwa Schokolade, Kaffee und Rindfleisch im Mai spürbar mehr als im Vorjahr. Gleichzeitig zeigte eine Umfrage des Instituts der deutschen Wirtschaft, dass die Inflation im Schnitt deutlich überschätzt wird – viele gingen von über 15 Prozent aus, obwohl sie bei nur 2,2 Prozent lag.
Immerhin ist die Konsumstimmung zuletzt leicht gestiegen. Das HDE-Konsumbarometer erreichte den höchsten Stand seit einem Jahr. Auch Konjunkturprognosen des ifo-Instituts sehen eine allmähliche Belebung des privaten Konsums. Ein Faktor: Die Reallöhne sind zuletzt so stark gestiegen wie seit 16 Jahren nicht – viele Haushalte verfügen wieder über mehr finanziellen Spielraum.
