Die blutige Geburt des Anleihemarktes: Venedig und 32 Billionen Dollar
Der größte Staatsanleihenmarkt der Welt hat seine Wurzeln in einem militärischen Desaster im mittelalterlichen Venedig.

Der US-Staatsanleihemarkt ist der größte Staatsanleihenmarkt der Welt. Sein heutiges Volumen beläuft sich auf rund 32 Billionen US-Dollar und stellt damit den größten je angesammelten Schuldenberg dar. Doch die Wurzeln dieses gigantischen Marktes reichen weit zurück – bis ins mittelalterliche Venedig, zu einem blutigen militärischen Desaster und einem Führer, der gezwungen war, ein Darlehen aufzunehmen, um einen Krieg gegen das Byzantinische Reich zu finanzieren.
Diese Geschichte steht im Mittelpunkt einer neuen Ausgabe des FT-Podcasts „The Story of Money“. In einer speziellen Live-Aufzeichnung aus New York tauchen die Moderatorinnen und Moderatoren Gillian Tett und Robin Wigglesworth in die Ursprünge der weltweit ersten handelbaren Staatsanleihe ein. Roula Khalaf, Herausgeberin der Financial Times, wählt die Episode in ihrem wöchentlichen Newsletter als eine ihrer favorisierten Geschichten aus.
Was in Venedig begann, endete zunächst in einer Katastrophe. Die Quellen beschreiben eine Entwicklung, die von Seuchen, Niederlagen und der brutalen Ermordung des Dogen – also des Herrschers selbst – auf den Straßen Venedigs geprägt war. Ausgerechnet aus dieser Krise ging jedoch ein Finanzinstrument hervor, das den globalen Kapitalismus transformierte: ein handelbares Darlehen, das Transparenz und Rechenschaftspflicht bot und damit die Grundlagen des modernen Anleihemarktes schuf.
Die Details
Im Zentrum der Episode steht die Frage, wie aus einem militärischen Abenteuer gegen das Byzantinische Reich ein Finanzinstrument entstehen konnte, das die Welt verändern sollte. Der Doge Venedigs musste ein Darlehen aufnehmen, um den Krieg zu finanzieren – ein Vorgang, der in der damaligen Zeit alles andere als selbstverständlich war. Die Folgen waren verheerend: Seuchen suchten die Stadt heim, militärische Niederlagen reihten sich aneinander, und die Wut der Bevölkerung entlud sich schließlich in der Ermordung des Dogen auf offener Straße.
Doch aus dem Trümmerhaufen dieser Krise erwuchs etwas Neuartiges. Das aufgenommene Darlehen wurde handelbar – es konnte also von einem Gläubiger an einen anderen übertragen werden. Genau diese Handelbarkeit, verbunden mit Transparenz und Rechenschaftspflicht, bildete nach Darstellung der Episode das Fundament des modernen Anleihemarktes. Aus einem lokalen Finanzierungsinstrument für einen Krieg wurde so ein Modell, das den globalen Kapitalismus prägen sollte.
Die Episode beleuchtet dabei nicht nur die historischen Ursprünge, sondern zieht auch eine Linie in die Gegenwart. Gillian Tett und Robin Wigglesworth erörtern, warum Anleihen auch heute noch die ultimative Kontrolle über die Macht der Regierungen darstellen. Zudem diskutieren sie, was das Venedig des 12. Jahrhunderts über die aktuellen Marktunruhen lehren kann.
Begleitend zur Episode verweist die Financial Times auf das Buch „A Fabulous Debt: How Bonds Made the Modern World“ von Robin Wigglesworth. Wer künftige Episoden verfolgen möchte, kann „The Story of Money“ dort abonnieren, wo Podcasts bezogen werden, sowie auf dem dedizierten YouTube-Kanal der Sendung. Das Transkript der Episode ist auf FT.com verfügbar. Die Kommentarfunktion zu diesem Artikel ist nicht aktiviert.
An der Produktion der Episode waren neben den Moderatorinnen und Moderatoren Gillian Tett und Robin Wigglesworth mehrere Personen beteiligt: Michela Tindera als Senior Producer, Breen Turner für die originale Musik und das Sounddesign, Bianca Wakeman und Petros Gioumpasis als Broadcast-Ingenieure sowie Laura Clarke für die Podcast-Entwicklung. Flo Phillips fungiert als FT Global Head of Audio.
Hintergrund: Was bisher geschah
Die Finanzgeschichte ist ein wiederkehrendes Thema bei aktien.news. Bereits am 17.06.2026 berichtete aktien.news über den FT Global Bond Summit, der jedes Jahr die wichtigsten Akteure der globalen Anleihenmärkte in London versammelt. Händler, Banker, Zentralbanker und Politiker kommen dort zusammen, um über den aktuellen Stand und die Zukunft der globalen Verschuldung zu diskutieren. Die Veranstaltung gilt als eine der bedeutendsten Konferenzen im Bereich der festverzinslichen Wertpapiere weltweit.
Am 08.07.2026 widmete sich aktien.news der Südseeblase von 1720. Damals war die South Sea Company eines der wertvollsten Unternehmen Großbritanniens, bevor ein spektakulärer Einbruch ihrer Aktien die erste große Börsenkrise des Landes auslöste. Im Mittelpunkt stand John Blunt, der Sohn eines einfachen Schuhmachers, dessen Aufstieg und tiefer Fall eine Geschichte über Spekulation, Gier und die Fragilität von Finanzsystemen verkörpern.
Am 12.08.2026 berichtete aktien.news über den Börsenkrach von 1873. Der Gründerkrach gilt als eines der bedeutendsten finanziellen Ereignisse der Geschichte und folgte unmittelbar auf die Gründung des deutschen Kaiserreichs. Sein beständigstes Erbe ist nach Darstellung des FT-Podcasts „The Story of Money“ kein monetäres, sondern ein ideologisches: Die wirtschaftliche Misere nach dem Krach schürte soziale Spaltung und verwandelte alte Vorurteile in antisemitische Verschwörungstheorien.
Erst am 26.09.2026 meldete aktien.news einen Bond-Schock: Die globalen Anleiherenditen waren deutlich gestiegen, die Rendite der zehnjährigen US-Staatsanleihen lag klar oberhalb der Marke von fünf Prozent. Der Podcast „Unhedged“ der Financial Times diskutierte die Folgen – etwa die Frage, ob weitere Steigerungen eine hochverschuldete Regierung ins Stolpern bringen oder einen überhobenen Hedgefonds gefährden könnten.
Was das für Anleger bedeutet
Für deutsche Privatanleger ist die historische Einordnung mehr als eine Fußnote. Der US-Staatsanleihemarkt mit seinem Volumen von rund 32 Billionen US-Dollar ist der größte Staatsanleihenmarkt der Welt und damit ein zentraler Referenzpunkt für die globale Zinsbildung. Wer in festverzinsliche Wertpapiere investiert, bewegt sich in einem Markt, dessen Grundprinzipien – Handelbarkeit, Transparenz und Rechenschaftspflicht – bis auf das Venedig des 12. Jahrhunderts zurückgehen.
Die Episode macht zudem deutlich, dass Anleihen bis heute als Kontrollinstrument gegenüber der Macht von Regierungen wirken. Steigende Renditen, wie sie aktien.news am 26.09.2026 beschrieb, sind in diesem Verständnis nicht nur Marktbewegungen, sondern auch ein Signal an die Fiskalpolitik. Die historische Perspektive zeigt, dass Anleihemärkte in Krisen entstehen und sich in Krisen bewähren müssen.
Ausblick
Die aktuelle Episode von „The Story of Money“ ist als Live-Aufzeichnung aus New York verfügbar. Weitere Folgen erscheinen dort, wo Podcasts bezogen werden, sowie auf dem YouTube-Kanal der Sendung. Das Transkript der Episode ist auf FT.com abrufbar. Darüber hinaus verweist die Financial Times auf das Buch „A Fabulous Debt: How Bonds Made the Modern World“ von Robin Wigglesworth als weiterführende Lektüre.
Kurz erklärt
- Staatsanleihe: Ein Wertpapier, mit dem sich ein Staat Geld von Anlegern leiht und dafür Zinsen zahlt.
- Handelbares Darlehen: Ein Kredit, der vom ursprünglichen Gläubiger an einen anderen Marktteilnehmer übertragen werden kann.
- Doge: Der gewählte Oberhaupt und Herrscher der ehemaligen Republik Venedig.
