Diageo holt WPP-Finanzchefin – Lewis baut Führungsteam um
Dave Lewis ersetzt Finanzvorstand durch Tesco-Vertraute Joanne Wilson von WPP.

Der britische Spirituosenkonzern Diageo setzt seinen personellen Umbau an der Spitze fort. Der neue Chief Executive Officer Dave Lewis hat Joanne Wilson, bisherige Finanzchefin des Werberiesen WPP, als neue Finanzvorständin abgeworben. Wilson wird damit Nik Jhangiani ablösen, dessen Zukunft bei Diageo seit Lewis' Amtsantritt im Januar 2026 zunehmend infrage gestellt worden war.
Der Hersteller von Johnnie Walker gab am Mittwoch bekannt, dass Wilson dem Vorstand im Laufe des Jahres 2027 beitreten wird. Lewis und Wilson kennen sich aus gemeinsamen Zeiten beim britischen Einzelhandelskonzern Tesco, wo Lewis selbst lange Jahre als Chef tätig war. Mit der Personalie treibt Lewis seine umfassende Umstrukturierung des Führungsteams weiter voran, die bereits den Austausch der Chefs für Nordamerika, Großbritannien und Afrika umfasst hat.
Die Details
Joanne Wilson bringt umfangreiche Erfahrung aus verschiedenen Stationen mit. Sie arbeitete unter anderem für die Getränkefirma Britvic, bei Tesco sowie dessen Datenanalytik-Tochter dunnhumby und begann ihre Karriere bei KPMG, wo sie zur Wirtschaftsprüferin (Chartered Accountant) qualifiziert wurde. Bei WPP war sie zuletzt als Finanzchefin tätig.
Der Abgang von Nik Jhangiani war absehbar, nachdem Lewis im Januar die Konzernführung übernommen hatte. Jhangiani, zuvor Finanzvorstand des Coca-Cola-Abfüllers Coca-Cola Europacific Partners, war nach dem Rücktritt von Lewis' Vorgängerin Debra Crew zum interimistischen CEO von Diageo ernannt worden. Crew hatte dem Vorsitzenden des Diageo-Vorstands im vergangenen Jahr mitgeteilt, ihre Position sei nicht mehr haltbar gewesen – unter anderem, weil das Board Spekulationen nicht gedämpft habe, dass Jhangiani nach ihrem Job strebe. Im Nachfolgeprozess unterlag Jhangiani jedoch gegen Lewis.
„Nik und ich haben vereinbart, dass dies der richtige Zeitpunkt für diesen Wechsel ist, nachdem wir unsere neue [Diageo Corporate] Strategie vorgestellt haben“, sagte Lewis in einer Erklärung. Jhangiani selbst äußerte sich versöhnlich: „Ich habe jede Minute meiner Zeit bei Diageo genossen. Ich bin stolz darauf, dass wir kürzlich unseren dreijährigen Finanzplan einschließlich erheblicher Fortschritte beim Abbau der Verschuldung und der Stärkung unserer Bilanz vor unseren Investoren dargelegt haben.“
Für WPP ist der Abgang von Wilson ein schwerer Schlag. Der Werbekonzern befindet sich unter der neuen Chefin Cindy Rose mitten in einer eigenen Turnaround-Phase. Die Aktien von WPP sind in den vergangenen fünf Jahren um 61 Prozent gefallen. Das Unternehmen restrukturiert sich angesichts der Befürchtungen der Anleger, dass die rasante Entwicklung der künstlichen Intelligenz die Ausgaben der Kunden schmälern und das Unternehmen einer Welle neuer Konkurrenten aussetzen könnte. WPP erklärte, Wilson stehe eine Kündigungsfrist von zwölf Monaten zu, ein Datum für ihren Austritt werde „bald festgelegt“.
Hintergrund: Was bisher geschah
Bereits am 15. Mai 2026 berichtete aktien.news, dass mehrere Führungskräfte den Spirituosenkonzern im Zuge einer geplanten Umstrukturierung verlassen. Damals wurden die genauen Gründe für die Abgänge noch nicht offiziell kommuniziert. Der Konzern mit Marken wie Johnnie Walker, Guinness und Baileys steht seither unter erheblichem Veränderungsdruck.
Am 6. Mai 2026 hatte Diageo zwar einen überraschenden Umsatzanstieg im dritten Quartal vermeldet – der organische Nettoumsatz stieg um 0,3 Prozent, während Analysten mit einem Rückgang von 2,3 Prozent gerechnet hatten. Doch Nordamerika, der wichtigste Markt des Konzerns, bleibt das größte Sorgenkind: Der Nettoumsatz in der Region sank organisch um 9,4 Prozent.
Verschärft wird die Lage durch Arbeitskämpfe. Wie aktien.news am 18. September 2026 berichtete, werden die Mitarbeiter der Cameronbridge-Destillerie, der größten Produktionsstätte von Diageo, ab dem 28. September für fast drei Wochen die Arbeit niederlegen. Der Streik richtet sich gegen die Pläne des Unternehmens, Hunderte von Arbeitsplätzen in seinen schottischen Betrieben zu streichen. Mehr als die Hälfte der 200 Beschäftigten in Europas größter Getreidedestillerie wird sich an den Arbeitsniederlegungen beteiligen.
Auch bei WPP zeichnete sich der Umbruch bereits ab. Am 1. September 2026 berichtete aktien.news, dass der Werbegigant bis zum Jahresende bis zu 1.000 weitere Stellen streichen will. Der Schritt ist Teil eines beschleunigten Umstrukturierungsprogramms unter Cindy Rose, das auch den Verkauf von nicht zum Kerngeschäft gehörenden Unternehmensteilen und die Reduzierung von Immobilienbeständen vorsieht.
Was das für Anleger bedeutet
Die Personalie Wilson zeigt, dass Dave Lewis mit hohem Tempo sein Führungsteam nach seinen Vorstellungen formt. Wilson wird gemeinsam mit Lewis die großen Kostensenkungen bei Diageo überwachen. Der ehemalige Tesco-Chef hat sich zum Ziel gesetzt, über die nächsten drei Jahre Kosten in Höhe von einer Milliarde US-Dollar zu kürzen und tausende Stellen in der rund 30.000 Mitarbeiter starken Belegschaft abzubauen.
Für Anleger ist die Neuaufstellung des Führungsteams ein klares Signal, dass Lewis den eingeschlagenen Sanierungskurs konsequent fortsetzt. Die Ablösung von Jhangiani dürfte Spekulationen über interne Machtkämpfe beenden, die seit dem Abgang von Debra Crew die Aktie belastet hatten. Gleichzeitig bleibt das operative Umfeld herausfordernd: Der Nachfrageeinbruch, insbesondere in Nordamerika, und die Arbeitsniederlegungen in Schottland setzen das Unternehmen unter Druck.
Ausblick
Wilson wird dem Diageo-Vorstand im Laufe des Jahres 2027 beitreten. Bis dahin bleibt Nik Jhangiani im Amt, der die Übergabe begleiten wird. Bei WPP steht derweil ein Datum für Wilsons Austritt noch aus, die Kündigungsfrist beträgt zwölf Monate. Der Streik in der Cameronbridge-Destillerie beginnt planmäßig am 28. September 2026. Diageo wird in den kommenden Monaten zeigen müssen, ob die Kostensenkungen und die personelle Neuaufstellung ausreichen, um den Konzern wieder auf Wachstumskurs zu bringen.
Kurz erklärt
- CFO (Chief Financial Officer): Der Finanzvorstand eines Unternehmens ist für die Finanzplanung, das Rechnungswesen und die Kapitalmarktkommunikation verantwortlich.
- Turnaround: Bezeichnet die strategische Neuausrichtung eines Unternehmens mit dem Ziel, von einer Verlust- in eine Gewinnzone zurückzukehren.
- Organischer Umsatz: Der Umsatz eines Unternehmens bereinigt um Währungseffekte, Zu- und Verkäufe von Unternehmensteilen, zeigt das reale Wachstum des Kerngeschäfts.
