Der große Run auf nachhaltiges Kerosin
Luftfahrt-Industrie steuert auf einen radikalen Umbruch zu – deutsche Unternehmen können Schlüsselrolle einnehmen

Mit dem kürzlich von der EU beschlossenen Ziel, bis 2050 63% des Flugkraftstoffs durch nachhaltige Alternativen (Sustainable Aviation Fuel, kurz SAF) zu ersetzen, steuert eine ganze Industrie auf einen radikalen Umbruch zu. Die Nachfrage nach SAF wird in den kommenden Jahren voraussichtlich regelrecht explodieren. Schon jetzt bereiten sich Fluggesellschaften und Hersteller auf diesen Wandel vor. Wo liegen die größten Herausforderungen und Chancen in diesem neuen Boomsektor? Die Aktien.news-Redaktion hat sich eingehend mit dem Thema beschäftigt.
Bisher ist der Anteil von SAF am weltweit verbrauchten Kerosin noch minimal. Laut einer Studie der Europäischen Kommission von 2021 betrug er nur 0,05%. Die Internationale Energieagentur (IEA) beziffert die weltweite SAF-Produktion 2021 auf rund 125 Millionen Liter. Allein für Europa bedeutet die Umsetzung der EU-Vorgaben jedoch, dass bis 2050 jährlich über 200 Millionen Tonnen SAF benötigt werden.
Der finnische Hersteller Neste (WKN: A0D9U6) ist bisher Weltmarktführer für nachhaltiges Kerosin. Im Juli 2022 kündigte das Unternehmen an, bis 2023 über 1,5 Milliarden Euro in den Ausbau seiner SAF-Produktion zu investieren. Ziel ist eine jährliche Kapazität von 1,5 Millionen Tonnen.
Neben Neste bereiten sich auch große Mineralölkonzerne auf den SAF-Boom vor. Shell gab im Februar 2022 den Bau einer Großanlage für nachhaltiges Flugbenzin in den Niederlanden bekannt. TotalEnergies kündigte gemeinsam mit dem Flugzeugbauer Airbus die Entwicklung von SAF-Produktionsketten in Frankreich an.
Neben den etablierten Playern gibt es eine Reihe vielversprechender Startups in dem Bereich. Das deutsche Unternehmen Ineratec entwickelt eine chemische Methode, um aus CO2 und grünem Wasserstoff per Methanpyrolyse synthetisches Kerosin herzustellen. Das schwedische Unternehmen Liquid Wind will ab 2025 SAF aus Wasser und erneuerbarer Energie produzieren.
Ein besonders innovativer Akteur ist das deutsche Startup CAPHENIA. Das Unternehmen hat einen neuartigen Reaktor – den "3-in-1-Zonenreaktor" – entwickelt, mit dem sich nach eigenen Angaben eFuels wesentlich effizienter und kostengünstiger als bisher herstellen lassen. Im Vergleich zu herkömmlichen Verfahren soll der CAPHENIA-Prozess einen deutlich geringeren Energiebedarf haben.
2024 startet in Frankfurt-Höchst die Pilotanlage von CAPHENIA. Wenn sich die Technologie bewährt, könnten die daraus resultierenden synthetischen Kraftstoffe bald zu wettbewerbsfähigen Preisen verfügbar sein. Damit gilt das Unternehmen als innovativer Hoffnungsträger in der Branche. An der Börse ist das Unternehmen noch nicht gelistet, es handelt sich um eine GmbH. Als Gesellschafter investierte zuletzt jedoch bereits AMADEUS, was die erste Investition eines führenden Anbieters von Reisetechnologie außerhalb des Bereichs Software darstellt.
Die meisten SAF werden derzeit noch aus Biomasse wie gebrauchten Speiseölen oder Abfallfetten gewonnen. Doch langfristig sind auch synthetische Kraftstoffe aus Wasserstoff und CO2 entscheidend. Hier kommen innovative Power-to-Liquid-Verfahren wie die Fischer-Tropsch-Synthese zum Einsatz.
Dabei wird zunächst aus erneuerbarem Strom durch Elektrolyse grüner Wasserstoff erzeugt. Dieser wird mit CO2 zu Synthesegas (einer Mischung aus Kohlenmonoxid und Wasserstoff) umgewandelt. Über die Fischer-Tropsch-Synthese entsteht daraus dann ein synthetisches Rohöl, auch Syncrude genannt. Syncrude kann in einem Crackverfahren zu Endprodukten wie Kerosin weiterverarbeitet werden.
Sowohl Unternehmen wie Ineratec als auch Startups wie CAPHENIA nutzen diese Power-to-Liquid-Verfahren. Durch Effizienzsteigerungen und Prozessoptimierungen soll so nachhaltiges Kerosin bald zu wettbewerbsfähigen Preisen möglich sein. CO2 als Rohstoff spielt dabei eine Schlüsselrolle. Mit dem steigenden Bedarf werden massive Investitionen in neue Produktionsanlagen nötig sein, um die Preise von SAF zu senken. Sowohl für etablierte Player als auch Startups ergeben sich in den kommenden Jahren riesige Geschäftschancen in diesem Zukunftsmarkt.
An einer Börse gelistete SAF-Player:
- Neste (NESTE, Helsinki) - Hersteller von SAF aus Abfall- und Reststoffen
- TotalEnergies (TTE, Paris) - Investiert in die SAF-Produktion über seine Tochtergesellschaft TotalEnergies SAF
- Shell (RDSA, Amsterdam) - Baut Anlagen zur SAF-Herstellung über seine Tochter Shell Global Solutions
