DAX-Konzerne kaufen Aktien für 54 Milliarden Euro zurück
Aktienrückkäufe boomen: Allein 23 DAX-Unternehmen haben milliardenschwere Programme aufgelegt – doch die Strategie ist umstritten.

Aktienrückkäufe sind zu einem der mächtigsten Instrumente börsennotierter Konzerne geworden. Laut aktuellen Berechnungen des Handelsblatt Research Institute planen die DAX-Unternehmen derzeit Rückkäufe im Gesamtvolumen von 54,6 Milliarden Euro. Allein in diesem Jahr sollen Aktien im Wert von rund 26 Milliarden Euro vom Markt genommen werden.
23 der 40 DAX-Konzerne erwerben derzeit eigene Anteile oder haben entsprechende Programme angekündigt. Grundlage der Berechnungen sind offizielle Unternehmensankündigungen sowie die zuletzt vorgelegten Jahresbilanzen. Die Zahlen verdeutlichen, wie stark das Instrument in der deutschen Unternehmenslandschaft verankert ist.
Die größten Rückkaufprogramme im Überblick
Besonders aktiv sind einige der bekanntesten DAX-Schwergewichte. Mercedes-Benz startete am 3. November 2025 ein Programm zum Rückkauf eigener Aktien im Wert von bis zu zwei Milliarden Euro, das bis November 2026 abgeschlossen sein soll. SAP kauft zwischen Februar und Juli 2026 eigene Anteile für bis zu 2,6 Milliarden Euro zurück. Siemens Energy plant sogar den Rückkauf von Aktien im Wert von bis zu sechs Milliarden Euro bis Ende des Geschäftsjahres 2028.
Auch kleinere Unternehmen nutzen das Instrument: Der Internetdienstleister Ionos investiert bis zu 60 Millionen Euro in einen weiteren Rückkauf. Der Kölner Außenwerber Ströer will bis November eigene Aktien für bis zu 50 Millionen Euro erwerben.
Globaler Trend: USA brechen Rekord
Der Boom ist kein rein deutsches Phänomen. In den USA kauften die S&P-500-Konzerne innerhalb eines Jahres eigene Aktien für die Rekordsumme von 1,02 Billionen Dollar zurück – so viel wie nie zuvor. Das zeigen Berechnungen von Bilanzexperte Howard Silverblatt beim Finanzdatenanbieter S&P Dow Jones. Apple allein gab in den vergangenen vier Quartalen 96,7 Milliarden Dollar für Rückkäufe aus, in den letzten zehn Jahren summierten sich die Ausgaben auf beeindruckende 755 Milliarden Dollar.
Der Mechanismus hinter dem Interesse der Unternehmen ist simpel: Sinkt die Anzahl handelbarer Aktien, verteilen sich Gewinne und Dividenden auf weniger Anteilsscheine. Der Gewinn je Aktie steigt – selbst ohne operatives Wachstum. Der Aktienkurs legt in der Regel zu, häufig bereits nach der bloßen Ankündigung eines Programms.
Eine Goldman-Sachs-Studie aus dem Herbst vergangenen Jahres untermauert diesen Effekt: Unternehmen aus dem S&P 500, die ihre Aktienzahl jährlich um vier Prozent reduzierten, übertrafen seit 2012 den Gesamtmarkt im Schnitt um drei Prozentpunkte pro Jahr.
Kritik: Kurspflege statt Investitionen
Doch das Instrument hat auch Schattenseiten. Kapital, das in Rückkaufprogramme fließt, steht weder für Investitionen in Wachstum und Innovation noch als Puffer in Krisenzeiten zur Verfügung. Unternehmen, die auf langfristige Investitionen verzichten, riskieren, gegenüber der Konkurrenz ins Hintertreffen zu geraten.
Ein warnendes Beispiel liefert die Deutsche Bank: Zwischen 2005 und 2007 gab sie Milliarden für den Rückkauf eigener Aktien aus. Als die Finanzkrise 2008 ausbrach, fehlten die Rücklagen – die Bank musste mehrfach neue Aktien ausgeben, um frisches Kapital zu beschaffen.
Auch US-Präsident Donald Trump hat sich als Kritiker positioniert. Im Januar attackierte er die Finanzpraktiken der amerikanischen Rüstungskonzerne und stellte Rückkäufe sowie Dividenden infrage. Per Exekutivanordnung räumte er dem Verteidigungsministerium das Recht ein, Dividenden und Rückkäufe bei als leistungsschwach eingestuften Unternehmen zu untersagen.
Am Markt sorgen derweil geopolitische Nachrichten für Bewegung: Der Brent-Ölpreis fiel unter 100 Dollar, nachdem Berichte über einen US-Friedensplan für den Iran die Runde machten. Der DAX kletterte daraufhin zeitweise auf 23.070 Punkte und notierte gegen Mittag mit einem Plus von 1,5 Prozent bei 22.979 Zählern.
