Comdirect verliert Innovationskraft und Kunden
Übernahme durch die Commerzbank bremst Wachstum und treibt Gebühren in die Höhe

Der ehemalige Vorreiter im deutschen Onlinebanking, die Comdirect, hat in den vergangenen Jahren stark an Dynamik und Innovationskraft eingebüßt. Einst als aggressive Herausforderin mit gebührenfreien Konten und modernen digitalen Angeboten gestartet, ist die Bank heute ins Hintertreffen geraten. Insbesondere junge Konkurrenten wie Trade Republic und Scalable Capital haben die Comdirect in puncto Produktinnovationen und Kundengewinnung überholt. Während die Wettbewerber Millionen neuer Kunden anziehen, verzeichnet die Comdirect nur noch geringes Wachstum. Die Zahl der Kunden stieg seit 2019 lediglich von 2,75 auf rund drei Millionen.
Der Niedergang der einst innovativen Direktbank fällt in die Zeit nach der vollständigen Übernahme durch die Commerzbank. Diese war bereits seit der Gründung der Comdirect 1994 Mehrheitsaktionärin, hatte die Tochter jedoch lange weitgehend eigenständig agieren lassen. 2019 entschied die Commerzbank, die übrigen Anteile zu übernehmen und die Comdirect wieder vollständig in den Konzern einzugliedern. Die erhofften Synergien, insbesondere Kostensenkungen durch die Zusammenlegung von IT-Systemen und Verwaltung, wurden in den folgenden Jahren jedoch nicht wie geplant realisiert.
Stattdessen konzentrierte sich der damalige Commerzbank-Chef Manfred Knof nach seinem Amtsantritt 2021 vor allem auf die Sanierung der Muttergesellschaft. In diesem Zuge wurden zehntausend Stellen abgebaut und zahlreiche Geschäftsbereiche neu geordnet. Die Comdirect geriet dabei zunehmend ins Hintertreffen. Ehemalige Mitarbeiter berichten, dass die einst als unabhängig geltende Direktbank nun in die bürokratischen Abläufe der Konzernmutter eingebunden sei, was Entscheidungsprozesse verlangsame. Zudem seien die Preise im Vergleich zur Konkurrenz oft zu hoch. Während andere Anbieter bei Aktienkäufen nur einen Euro verlangen, beträgt die Mindestgebühr bei der Comdirect zehn Euro. Auch für ETF-Sparpläne fallen häufig Gebühren an, die Wettbewerber nicht erheben.
In der Belegschaft sorgt die Entwicklung für Frustration. Symptomatisch dafür ist die anhaltende Unzufriedenheit über die Umstellung von hochwertigen Kaffeevollautomaten auf Kapselmaschinen in den Büroküchen. Der Wechsel wird von vielen als Symbol für den Verlust von Innovationsgeist und Eigenständigkeit gesehen. Die Comdirect selbst sieht sich hingegen auf Kurs und betont, dass der Kundenbestand stabil sei und die Bank auf Qualität statt auf Preisdumping setze. Die Zukunft der Comdirect könnte auch durch die aktuellen Übernahmeabsichten der italienischen Bank UniCredit beeinflusst werden. Commerzbank-Chefin Bettina Orlopp will die Aktionäre von der Eigenständigkeit der Bank überzeugen, doch Analysten sehen die Comdirect derzeit nicht als Wachstumstreiber.
