Chinas E-Commerce-Riesen im Aufwind
Wie Temu und Shein durch Logistik und Steuervorteile dominieren

Der chinesische E-Commerce-Riese Temu, der zur PDD Holdings gehört, hat im letzten Quartal einen Ertrag von vier Milliarden Euro erzielt und konnte seinen Gewinn um 144 Prozent im Vergleich zum Vorjahr steigern. Dennoch erlebte die Aktie des Unternehmens einen dramatischen Rückgang um 30 Prozent. Dies geschah trotz der Tatsache, dass Temu einen beachtlichen Marktanteil im Discountgeschäft in den USA erreicht hat und in Deutschland im Jahr 2023 bereits über eine Milliarde Euro umgesetzt hat. Der rasante Aufstieg von Temu wird unter anderem durch eine ausgeklügelte Logistikstrategie ermöglicht.
Ein wesentlicher Erfolgsfaktor für Temu ist die Vermeidung von eigenen Lagerbeständen und der Verzicht auf eigene Logistik. Stattdessen fungiert Temu als Vermittler zwischen chinesischen Verkäufern und internationalen Kunden, wodurch Kapitalbindung und Lagerhaltungskosten reduziert werden. Der Versand erfolgt oft direkt ab Fabrik, was den Preis für die Konsumenten niedrig hält. Temu nutzt ein großes Einkaufszentrum in Yiwu, das eine Vielzahl von Produkten zu Großhandelspreisen anbietet. Die Software von Temu ermöglicht eine präzise Sendungsverfolgung und effiziente Abwicklung von Zahlungen und Retouren.
Ein ähnliches Geschäftsmodell verfolgt auch der Konkurrent Shein. Das Unternehmen, das vor 16 Jahren in Nanjing gegründet wurde, erzielte im vergangenen Jahr einen Umsatz von 45 Milliarden Dollar. Shein hat vor kurzem seinen Sitz nach Singapur verlegt und soll im Jahr 2023 einen Gewinn von zwei Milliarden Dollar erzielt haben. Wie Temu setzt auch Shein auf eine Minimierung der Kapitalbindung, indem ein großer Teil der Ware im Besitz der Produzenten bleibt. Trotz der hohen Umsätze und eines gewissen Lagerbestands in Europa sind die Kapitalbindung und die Lagerkosten bei Shein relativ gering.
Beide Unternehmen profitieren von steuerlichen und zolltechnischen Vorteilen. Temu und Shein nutzen das „Import One Stop Shop“-Verfahren, das es ihnen ermöglicht, Umsatzsteuern für Endkundenpakete bis zu einem Wert von 150 Euro zentral zu melden und zu zahlen. Dies reduziert die Zollkosten erheblich. Zudem nutzen sie ein Verfahren, bei dem die Waren als Einzelpakete verschickt werden, um den zollfreien Freibetrag nicht zu überschreiten. Dieser Umstand wird von europäischen Einzelhändlern kritisiert, die mit höheren Einfuhrzöllen konfrontiert sind.
In Deutschland kommen täglich etwa 400.000 Sendungen von Shein und Temu an. Die Logistik dieser Sendungen erfolgt häufig über den Flughafen Lüttich in Belgien, der für seine großzügigen Kapazitäten und weniger strengen Zollbestimmungen bekannt ist. Die Auslagerung von Versandprozessen an private Transportdienstleister und die Reduzierung der Kapitalbindung tragen zu den niedrigen Kosten der asiatischen Online-Discounter bei, die sich so auf dem internationalen Markt behaupten können.
