BoE mahnt zur Vorsicht, RBA erhöht den Zinsdruck
Gegensätzliche Geldpolitik: Großbritannien bremst bei Zinserhöhungen, Australien kämpft mit hartnäckiger Inflation.

Während sich die Zentralbanken weltweit mit den Auswirkungen steigender Energiepreise auseinandersetzen, zeichnen sich in Großbritannien und Australien gegensätzliche geldpolitische Strategien ab. Alan Taylor, Mitglied des geldpolitischen Ausschusses der Bank of England (BoE), plädiert für Zurückhaltung bei weiteren Zinserhöhungen. Die Reserve Bank of Australia (RBA) hingegen erhöht angesichts hartnäckiger Inflation den Druck auf die Zinsen weiter.
Taylor betonte anlässlich der Dow Lecture am National Institute of Economic and Social Research, dass die Argumente für weitere Zinserhöhungen in Großbritannien derzeit nicht überzeugend seien. Trotz geopolitischer Volatilität, die die Öl- und Gaspreise vor dem Winter in die Höhe getrieben hat, sieht er keine Anzeichen für eine Ausbreitung der Inflation auf die breite Wirtschaft. Die Kostensteigerungen in energieintensiven Sektoren blieben aus, und die Nahrungsmittelinflation sei sogar unerwartet gesunken.
Lohnwachstum im Einklang mit dem Inflationsziel
Da das Lohnwachstum moderat bleibt und im Einklang mit dem 2-Prozent-Ziel steht, sieht Taylor keinen Grund für eine Verschärfung der Geldpolitik. Er betonte, dass die aktuelle Bank Rate von 3,75 Prozent bereits restriktiv wirke, da der neutrale Zinssatz auf 2,75 bis 3,00 Prozent geschätzt wird. Ein entscheidender Indikator für seine künftige Haltung wird die im Januar erwartete BoE-Umfrage zu den Lohnintentionen für 2027 sein. Bereits im Dezember könnten erste vorläufige Ergebnisse Aufschluss geben.
Für deutsche Anleger ist diese Haltung insofern relevant, als sie Einfluss auf die relative Attraktivität des britischen Pfunds und die Zinsdifferenz zu anderen Währungsräumen haben kann. Solange die BoE auf der Bremse bleibt, während andere Notenbanken straffen, verschieben sich die Kapitalströme und damit auch die Wechselkursrelationen.
Australien: Inflation beschleunigt sich auf 4,0 Prozent
Im Gegensatz dazu steht die Situation in Australien. Die dortige Inflation beschleunigte sich im August auf 4,0 Prozent, was die RBA dazu veranlasste, die Zinsen auf ein 15-Jahres-Hoch von 4,6 Prozent anzuheben. Trotz einer Serie von Zinserhöhungen in diesem Jahr bleibt der Preisdruck hartnäckig, getrieben durch gestiegene Kraftstoffkosten sowie hohe Ausgaben für Wohnungsbau und Strom.
Während die RBA-Gouverneurin Michele Bullock die Auswirkungen der bisherigen Straffungen beobachten will, warnen Ökonomen wie Faraz Syed von Citi, dass der Markt das Risiko weiterer Zinsschritte unterschätze. Die RBA steht vor der Herausforderung, dass das Wirtschaftswachstum mit 2,3 Prozent über dem nachhaltigen Niveau liegt, was die Gefahr einer dauerhaft verankerten Inflation birgt.
Experten von Westpac halten eine weitere Zinserhöhung im November für das Basisszenario, sofern keine Entspannung im Nahostkonflikt eintritt. Diese Politik belastet insbesondere den australischen Immobilienmarkt, der bereits deutliche Preisrückgänge in Metropolen wie Sydney und Melbourne verzeichnet.
Divergenz als Leitmotiv der Geldpolitik
Die beiden Beispiele verdeutlichen, wie unterschiedlich die Notenbanken auf ähnliche globale Schocks reagieren. Während Großbritannien auf eine bereits restriktive Zinslage verweist und die Datenlage abwartet, sieht sich Australien mit einem breiter angelegten Preisdruck konfrontiert, der weitere Straffungen rechtfertigt. Für internationale Investoren bedeutet diese Divergenz, dass die geldpolitischen Pfade der einzelnen Währungsräume künftig stärker auseinanderlaufen dürften. Beobachter richten ihren Blick daher auf die kommenden Inflations- und Lohndaten, die über die nächsten Schritte entscheiden werden.
