BCG-Studie: Recycling verwandelt installierten Bestand in eine gefangene Mine
Die Boston Consulting Group zeigt fünf Schritte, mit denen Industrieunternehmen Engpässe bei kritischen Mineralien senken können.

Die Boston Consulting Group (BCG) hat in ihrem jüngsten Bericht dargelegt, wie Industrieunternehmen Engpässe bei kritischen Mineralien in der heutigen Übergangswelt überwinden können. Ein zentraler Baustein ist die Circularität: die Steuerung von Produktströmen, sodass Materialien am Ende ihrer Lebensdauer wiederverwendet werden. Dadurch verwandelt sich der installierte Bestand eines Unternehmens in eine gefangene „Mine", die im Laufe der Zeit wiederkehrende Werte generiert.
Konkret schlägt BCG einen Anreiz für Circularitätsmaßnahmen vor: einen Rabatt auf das neue Gerät, wenn das alte zurückgegeben wird. Durch diesen geschlossenen Kreislauf geht das Eigentum an dem Metall nie wirklich über. BCG weist darauf hin, dass dies bei der Katalyse auf industriellem Niveau bereits Standardpraxis ist. Katalysatoren aus Platingruppenmetallen (PGMs) werden im Wesentlichen geleast und die PGMs für den nächsten Einsatzprozess neu raffiniert, anstatt sie auf den Markt zu verkaufen.
Dieser Schritt zur Circularität ist nur einer von fünf Schritten, die BCG in dem Bericht auflistet. In dieser Reihenfolge nennt das Berichtsteam: Risiken über die gesamte Wertschöpfungskette hinweg sichtbar machen; das Risiko durch Diversifizierung der Lieferanten streuen; das Risiko durch Design ausschalten; das Risiko durch Recyclingprozesse sammeln; und das Risiko durch größeren Zugang und Kontrolle sichern.
Die Autoren sehen die Verwundbarkeit der Unternehmen weiter unterschätzt
Als Verfasser des Berichts nennt BCG Tycho Möncks, Karthik Valluru, Mikhail Nikomarov, Anna Temple, Thomas Vogt, Peter Clearkin, Aparna Bharadwaj und Timm Lux. Sie berichten, dass CEOs industrieller Unternehmen sich der potenziellen Engpässe bei kritischen Mineralien sehr wohl bewusst sind und viele glauben, einen Plan zur Milderung dieser Risiken umgesetzt zu haben. Es zeigt sich jedoch konsistent, dass Unternehmen ihre tatsächliche Verwundbarkeit weiterhin unterschätzen.
Der Grund liegt in der Art der Messung. Die meisten industriellen Unternehmen verfolgen ihre Exposition gegenüber kritischen Mineralien anhand hochaggregierter Kennzahlen wie Ausgaben, Informationen von Tier-1-Lieferanten oder Daten zum Ursprungsland. Die tatsächliche Exposition ist jedoch größer, als diese Kennzahlen nahelegen. Mineralrisiken sind oft tief in den Lieferketten verborgen – in den Komponenten, die Unternehmen kaufen, sowie in den Werkzeugen und Prozessen, die zur Herstellung dieser Komponenten verwendet werden. Konzentrationsrisiken erfordern deshalb einen Blick auf Verarbeitung und Eigentum, nicht nur auf die Mineralproduktion in der Mine.
Ein umfassenderer Ansatz kann ein genaues Bild der Schwachstellen in der Lieferkette liefern. Ausgehend von dieser Basis können Unternehmen eine Reihe von Maßnahmen ergreifen, um ihre Exposition zu reduzieren. Kritisch ist laut BCG, dass dieser Ansatz Unternehmen auch dabei hilft, auf die Quellen öffentlichen Kapitals zuzugreifen, die viele Länder bereitgestellt haben. Im Jahr 2025 erreichten die Verpflichtungen des öffentlichen Finanzwesens für kritische Mineralien in fortgeschrittenen Volkswirtschaften rund 65 Milliarden Dollar – mehr als das Vierfache des Niveaus von 2023. Der Großteil dieses Geldes ist noch nicht ausgegeben. Wenn Unternehmen ein klares Verständnis ihrer finanziellen Exposition haben, können sie einen Fall aufbauen, um auf diese Mittel zuzugreifen. Auf diese Weise können industrielle Unternehmen aufhören, kritische Mineralien als Kostenposten zu betrachten, und beginnen, sie als Quelle strategischer Vorteile zu behandeln.
Gallium, Germanium und Arsen zählen zu den „Mücken"-Mineralien
Unternehmen beginnen ihre Risikobewertung häufig mit einem Blick auf ihre Stücklisten. Das bringt sie dazu, sich Sorgen über Materialien zu machen, die in Tonnage und Beschaffungsausgaben groß sind, wie Kupfer und Lithium. Die gefährlicheren Expositionsrisiken liegen jedoch oft bei den von BCG als „Mücken"-Mineralien bezeichneten Stoffen. Das sind Mineralien, die im gehandelten Wert so geringfügig sind, dass sie niemals ins Risikoregister gelangen, doch so essenziell, dass ganze hochwertige Wertschöpfungsketten ohne sie zum Stillstand kommen.
Als Beispiel nennt BCG Seltene Erden (REEs). Sie machen 40 Prozent der Kosten eines Magneten aus, aber weniger als 1 Prozent des Gesamtwerts eines Elektrofahrzeugs, das diesen Magnet benötigt. Das ist zu niedrig, um in jeder Kostenübersicht als Risiko markiert zu werden – doch ein Mangel an diesen Elementen kann eine Produktionslinie zum Erliegen bringen. Ähnlich verwendet ein Flugzeug etwa 20 Kilogramm Seltene Erden, die insgesamt weniger wert sind als die Farbe, die das Flugzeug beschichtet. Ohne sie fliegt das Flugzeug jedoch nicht.
Während Seltene Erden in letzter Zeit viel Aufmerksamkeit erhalten haben, ist die Liste der „Mücken"-Mineralien erheblich länger. BCG nennt Beispiele wie Gallium, Germanium und Arsen. Der gesamte globale Markt für Gallium ist weniger als 350 Millionen Dollar pro Jahr wert, und seine jährliche Produktion von 900 Tonnen macht es im Vergleich zu den meisten anderen Rohstoffen vernachlässigbar. Doch ein geschätzter Wert von 3,5 Billionen Dollar an Endprodukten hängt von Gallium ab – darunter Hochgeschwindigkeits-Logik- und Leistungschips sowie Satellitenkommunikationskomponenten.
Die globalen Verkäufe von Germanium belaufen sich auf vergleichsweise niedrige 260 Millionen Dollar, doch das Element ist ein wesentlicher Bestandteil der Elektronik und der Glasfaseroptik. In ultra-hochreiner Form wird Arsen für Gallium-Arsenid-Halbleiter in der Telekommunikationsinfrastruktur benötigt, zusammen mit Optik für KI-Rechenzentren und Radarsystemen. Der Upstream-Markt beträgt weltweit rund 50 Millionen Dollar, und die Herstellung von Halbleiter-Arsen auf einem Reinheitsgrad von 99,999995 Prozent erfordert erhebliches Prozess-Know-how.
Zwei weitere blinde Flecken verbergen die wahre Abhängigkeit
Der zweite blinde Fleck, den BCG beschreibt, betrifft die Betrachtungsebene. Unternehmen schauen auf kritische Mineralien in den Produkten und Komponenten, die sie von ihren direkten Tier-1-Lieferanten beziehen. Doch ein Unternehmen, das kaum kritische Mineralien direkt kauft, kann dennoch akut exponiert sein, da Mineralien in Komponenten eingebettet eintreffen. Ein Motor, Magnet, Leistungsmodul, Laser oder Sensor enthält Upstream-Mineralgehalt. Daraus entstehen Abhängigkeiten, die in einer Rohstoffliste möglicherweise nicht erscheinen.
Der dritte blinde Fleck ist die Fokussierung auf die Mineralproduktion statt auf Verarbeitung und Eigentum. Genau hier setzt der eingangs beschriebene Circularitätsgedanke an: Wer den Produktstrom kontrolliert und Materialien am Ende der Lebensdauer zurückführt, sichert sich Zugang, ohne auf neue Förderung angewiesen zu sein.
Bereits am 17.09.2026 berichtete aktien.news über Afrikas Rohstoffchance
Der Blick auf kritische Mineralien ist auch für afrikanische Förderländer ein zentrales Thema. Bereits am 17.09.2026 berichtete aktien.news, dass Afrika vor einer historischen Chance im globalen Wettlauf um kritische Rohstoffe steht. Der Schlüssel zum Erfolg liege nicht allein im Abbau von Mineralien, sondern in der strategischen Nutzung der daraus entstehenden Verhandlungsmacht. Zu diesem Schluss kam Mikhail Nikomarov, Partner und Associate Director bei BCG Johannesburg – einer der Autoren des nun vorliegenden Berichts.
Am 10.06.2026 berichtete aktien.news, dass Südafrika das Potenzial hat, erneut ein bedeutender Akteur im Bereich der wertschöpfenden Mineralien zu werden. Das betonte das Unternehmen PyroFuZA in der aktuellen Ausgabe des Rohstoff-Monitors von Creamer Media. Laut PyroFuZA-Experte Dr. Johan Zietsman sind eigene, spezifische Korrekturmaßnahmen möglich, um die frühere Stärke im wertschöpfenden Ökosystem zurückzugewinnen.
Am 08.08.2026 berichtete aktien.news über Südafrikas Minister für internationale Beziehungen und Zusammenarbeit, Ronald Lamola. Er hatte beim „Ambassadorial Breakfast on Africa's Growth Through Critical Minerals" in Johannesburg gefordert, dass Afrika seine Vorkommen an kritischen Mineralien nicht länger unverarbeitet exportieren darf. Die Veranstaltung wurde am 7. August 2024 von der Absa Group in Zusammenarbeit mit dem südafrikanischen Außenministerium ausgerichtet.
Am 18.04.2026 berichtete aktien.news, dass Kanada im März 2026 eine Investition von bis zu 40 Millionen Dollar für die Canadian Digital Core Library angekündigt hat. Die Regierung in Ottawa signalisiert damit, dass geologische Daten als strategische Infrastruktur gelten. Masoud Aali, Gründer und CEO von Scient Analytics Inc. aus Nova Scotia, ordnete die Ankündigung in einen größeren geopolitischen Rahmen ein.
Die BCG-Analyse ordnet die Risikostruktur industrieller Lieferketten neu ein
Für Anleger in Deutschland liefert der Bericht vor allem eine Einordnung der Risikostruktur in industriellen Lieferketten. Die zentrale Botschaft: Die Exposition gegenüber kritischen Mineralien lässt sich nicht an der Beschaffungsrechnung ablesen. Wer in Industrieunternehmen investiert, sollte daher berücksichtigen, dass Abhängigkeiten in Komponenten und Verarbeitungsschritten verborgen sein können. Die von BCG genannten „Mücken"-Mineralien zeigen, dass selbst sehr kleine Marktvolumina große Wertschöpfungsketten tragen können.
Gleichzeitig weist BCG auf einen Finanzierungstopf hin, der noch weitgehend ungenutzt ist. Die öffentlichen Verpflichtungen für kritische Mineralien in fortgeschrittenen Volkswirtschaften erreichten 2025 rund 65 Milliarden Dollar. Unternehmen, die ihre finanzielle Exposition klar darlegen können, haben laut BCG bessere Chancen, auf diese Mittel zuzugreifen. Ob und wann diese Gelder abfließen, ist im Quelltext nicht terminiert.
Der Großteil der öffentlichen Mittel ist noch nicht ausgegeben
BCG formuliert keine konkreten Zeitpläne für die Umsetzung der fünf Schritte. Klar ist aus dem Bericht, dass der Großteil der 2025 zugesagten öffentlichen Mittel für kritische Mineralien noch nicht ausgegeben ist. Damit bleibt Unternehmen ein Zeitfenster, um ihre Exposition zu analysieren und Förderanträge vorzubereiten. Die Autoren empfehlen, kritische Mineralien nicht länger als reinen Kostenposten zu behandeln, sondern als Quelle strategischer Vorteile.
Drei Fachbegriffe aus dem Bericht sind für Anleger zentral
- Kritische Mineralien: Rohstoffe, die für Schlüsseltechnologien unverzichtbar sind und deren Versorgung als riskant gilt.
- Circularität: Wirtschaftsweise, bei der Materialien am Ende ihrer Lebensdauer wiederverwendet werden.
- Platingruppenmetalle: Edelmetalle, die unter anderem in Katalysatoren industrieller Prozesse eingesetzt werden.
