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Bayer-Aktie: Supreme-Court-Sieg löst nicht alle Probleme

Der US-Supreme Court stärkt Bayer im Glyphosat-Streit – doch strukturelle Schwächen und hohe Schulden bleiben eine ernste Belastung.

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Bayer-Aktie: Supreme-Court-Sieg löst nicht alle Probleme

Wochenlang galt Urlaub für viele Bayer-Führungskräfte als Tabu. Der Leverkusener Konzern wollte vorbereitet sein, wenn der Oberste Gerichtshof der USA sein Urteil fällt – möglicherweise das bedeutendste in der über 160-jährigen Unternehmensgeschichte. Mehrere Zehntausend US-Bürger hatten Bayer in den vergangenen acht Jahren wegen angeblicher Krebsrisiken des Unkrautvernichter-Wirkstoffs Glyphosat verklagt. Die zahlreichen Vergleiche haben den Konzern bereits mehr als zwanzig Milliarden Dollar gekostet.

Nun liegt das Urteil vor – und es fällt deutlich zugunsten von Bayer aus. Der Supreme Court entzog vielen Klagen die rechtliche Grundlage. Zahlreiche Kläger hatten argumentiert, dass fehlende Warnhinweise auf Glyphosat-Behältern das Unternehmen haftbar machen – und waren damit in mehreren US-Bundesstaaten erfolgreich. Die US-Umweltbehörde EPA stuft Glyphosat jedoch als sicher ein und hatte entsprechende Warnhinweise ausdrücklich untersagt. Der Supreme Court stellte nun klar: Bundesbehördliche Zulassungsvorgaben haben Vorrang vor einzelstaatlichem Recht. Die Mehrheitsentscheidung, verfasst von Richter Brett Kavanaugh, stützte sich dabei auf das US-Bundesgesetz für Insektizide, Fungizide und Rodentizide (FIFRA), das eine einheitliche Kennzeichnung von Pflanzenschutzmitteln vorschreibt.

Erleichterung in Leverkusen – und an der Börse

Die Reaktion an den Finanzmärkten ließ nicht lange auf sich warten: Die Bayer-Aktie legte um fast zwanzig Prozent zu. Auch Konzernchef Bill Anderson zeigte sich erleichtert. „Dieses Urteil ist gut für die Landwirte in den USA, die weltweit dazu beitragen, die Ernährung sicherzustellen. Es sorgt für die regulatorische Klarheit, die innovative Unternehmen wie wir brauchen, um Produkte für die Agrarbranche herzustellen, mit denen bezahlbare Lebensmittel produziert werden können", erklärte Anderson. Laut Bayer soll die Entscheidung dazu beitragen, „die Rechtsstreitigkeiten nach nahezu einem Jahrzehnt juristischer Auseinandersetzungen signifikant einzudämmen".

Markus Manns, Portfoliomanager bei Union Investment, ordnet das Urteil als Wendepunkt ein: „Der Gewinn vor dem Supreme Court ist ein signifikanter Meilenstein für Bayer und für das Unternehmen beginnt Jahre nach der Monsanto-Übernahme eine neue Ära." Zukünftige Klagen seien damit zwar nicht vollständig vom Tisch, würden aber deutlich erschwert. Bayer könne sich nun wieder stärker auf operative und strategische Themen konzentrieren, so Manns.

Vollständige Entwarnung ist das Urteil jedoch nicht. Kläger können weiterhin versuchen, Bayer etwa wegen fehlerhaften Marketings zu belangen. Und selbst ohne die Glyphosat-Causa steckt der Konzern in erheblichen wirtschaftlichen Schwierigkeiten.

Hohe Schulden, schwache Renditen – die strukturellen Baustellen

Die finanzielle Lage bleibt angespannt. Die Verschuldung, die maßgeblich auf die Glyphosat-Prozesse zurückgeht, beläuft sich auf rund dreißig Milliarden Dollar. Aufgrund des weiterhin angestrebten Sammelvergleichs dürfte der Cashflow im laufenden Jahr negativ ausfallen. 2025 verzeichnete Bayer den dritten Nettoverlust in Folge – diesmal in Höhe von 3,6 Milliarden Euro. Der Umsatz lag bei 9,7 Milliarden Euro, die Rendite sank auf 21,4 Prozent – den schlechtesten Wert seit 2014. Negative Währungseffekte durch den schwachen Dollar belasteten das Ergebnis zusätzlich.

Die Probleme haben aber auch strukturelle Ursachen, die über den Glyphosat-Streit hinausgehen. In allen drei Geschäftsbereichen – Agrar, Pharma und rezeptfreie Medikamente – hat Bayer gegenüber der Konkurrenz Aufholbedarf. Die Rendite der Agrarsparte Crop Science liegt bei 19,4 Prozent, während Wettbewerber wie BASF und Corteva die Marke von zwanzig Prozent übertreffen. Im Pharmabereich erwirtschaftet Bayer rund 25 Prozent – große Konzerne wie Pfizer und Novartis erzielen Werte jenseits der dreißig Prozent.

Bayer hat zwar zahlreiche Umbau- und Wachstumsprogramme aufgelegt. Erste Erfolge werden sich jedoch frühestens 2027 in den Ergebnissen niederschlagen. Für 2026 rechnet der Konzern mit einem stabilen Gewinn zwischen 9,6 und 10,1 Milliarden Euro – mögliche Belastungen durch US-Zölle bereits eingepreist. Zwei Milliarden Euro sollen durch das neue Management-Modell „Dynamic Shared Ownership" (DSO) eingespart werden. Das Konzept setzt auf flachere Hierarchien und mehr Teamarbeit. Tausende Stellen sind bereits weggefallen, Hierarchiestufen wurden in den meisten Bereichen halbiert, zwei Drittel aller Führungspositionen gestrichen.

Aufspaltung als Option – Bayer-Chef hält sich bedeckt

Wenn die Euphorie über das Glyphosat-Urteil abklingt, dürften Aktionäre und Analysten die strukturellen Fragen erneut stellen. Schon seit Jahren fordern Marktbeobachter eine Aufspaltung des Konzerns oder den Verkauf einzelner Sparten. Als möglicher Kandidat gilt der Bereich Consumer Health mit der Traditionsmarke Aspirin, dessen Geschäfte zuletzt eher durchwachsen liefen. Auch das Agrargeschäft steht zur Debatte: Jahrelang musste Bayer dort Milliarden abschreiben, weil die Ergebnisse hinter den Erwartungen zurückblieben und Glyphosat sich schlechter verkaufte als geplant. Zuletzt lief es in diesem Segment wieder besser.

Einzig das Pharmageschäft konnte zuletzt wirklich überzeugen. Zwar laufen die Patente für die Blockbuster Xarelto (Gerinnungshemmer) und Eylea (Augenheilkunde) aus. Dafür entwickeln sich neuere Medikamente wie Nubeqa (Prostatakrebs) und Kerendia (Nierenerkrankungen) vielversprechend. Konzernchef Anderson hält sich zu einer möglichen Aufspaltung bedeckt. Der sonst kommunikationsfreudige Manager gibt sich bei diesem Thema einsilbig: Es müsse stets gewährleistet sein, dass Bayer für jede seiner Sparten der bessere Eigentümer sei – mehr sagt er dazu nicht.

Das Glyphosat-Urteil markiert das Ende eines langen juristischen Kapitels. Die Fragen nach der strategischen Zukunft von Bayer aber werden schon bald wieder lauter werden.

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