Barclays: Diese europäischen Versorger sind vor den Quartalszahlen favorisiert
Die britische Investmentbank sieht Kaufchancen im europäischen Versorgersektor und nennt Netzbetreiber mit stabilen Erträgen als Favoriten.

Die europäischen Versorgungsunternehmen starten mit einer verbesserten Fundamentallage in die Berichtssaison des dritten Quartals. Die Aktienkurse des Sektors sind jedoch hinter dem breiteren Markt zurückgeblieben. Analysten der britischen Investmentbank Barclays sehen in genau dieser Diskrepanz eine Kaufchance.
In einem Forschungsbericht vom 14. Oktober argumentieren die Analysten, dass höhere Strompreise, ein steigender Stromverbrauch und Aufwertungen der Gewinnerwartungen das Anlegerinteresse wieder auf die operative Performance lenken könnten. Bislang hätten Zinssätze und politische Unsicherheiten die Wahrnehmung des Sektors dominiert.
Konkret heißt es in dem Bericht, der Stoxx Europe 600 Utilities-Index habe seit Juni etwa drei Prozentpunkte unter dem breiten europäischen Markt geleistet. Trotz dieser Kursschwäche erwarten die Analysten solide Ergebnisse, die Gewinnaufwertungen und eine potenzielle Outperformance des Sektors stützen sollten. Zugleich warnen sie ausdrücklich vor den weiterhin bestehenden Risiken: Anleiherenditen, Politik, Wetter und Rohstoffvolatilität.
Die Details
Eine zentrale Rolle in der Argumentation von Barclays spielen regulierte Netzbetreiber. Sie machen geschätzt 50% bis 60% des Unternehmenswerts des Sektors aus und bieten Gewinnstabilität. Hinzu kommt die Nachfrage von Rechenzentren, die langfristige Wachstumschancen eröffnet. Barclays nennt in diesem Umfeld mehrere bevorzugte Namen: National Grid, SSE, RWE sowie ein italienisches Versorgungsunternehmen.
Bei National Grid betrachtet Barclays die politischen Unsicherheiten als Gelegenheit zum Kauf der Aktien. Mehr Klarheit über die Perspektiven des Titels könnte sich nach der Veröffentlichung des britischen Haushaltsplans Ende dieses Monats ergeben. Der britische Netzbetreiber verzeichnete für das am 31. März 2026 endende Geschäftsjahr einen operativen Kerngewinn vor besonderen Posten in Höhe von 5,68 Milliarden Pfund, was einer Steigerung um 8,8% entspricht. Seine Kapitalinvestitionen erhöhte das Unternehmen um 21,3% auf 11,58 Milliarden Pfund. Die geplante mehrjährige Infrastrukturausbaustrategie positioniert das Unternehmen so, dass es von der steigenden Stromnachfrage profitieren kann.
SSE erhielt von Barclays ebenfalls ein „Overweight“-Rating, wobei die Analysten auf den aktuellen „politischen Risikodeskont“ verweisen. Als zusätzlichen Katalysator nennen sie die Verhandlungen über eine potenzielle staatliche Übernahme der Nuklearaktivitäten durch Belgien. Bei diesen Gesprächen werden vorläufige Konditionen für den 4. November angestrebt.
Beim deutschen Versorger RWE sieht Barclays den stärksten Pipeline-Katalysator im nahen Zukunftshorizont unter seinen bevorzugten Versorgungsunternehmen. Anfang dieses Jahres hatte der deutsche Erzeuger seine Gewinnerwartungen für 2026 und 2027 angehoben. Als Treiber hob das Unternehmen einen Schub durch erneuerbare Energiezuwendungen, günstige Windbedingungen und neue Kapazitäten hervor. Auch das italienische Versorgungsunternehmen wird von Barclays favorisiert, die Bank vergab erneut ein „Overweight“-Rating.
Hintergrund: Was bisher geschah
Bereits am 04.03.2026 berichtete aktien.news, dass Morgan Stanley drei europäische Versorgeraktien identifiziert hat, die bis 2026 eine Outperformance erzielen könnten. Das US-Brokerhaus nannte National Grid, ENGIE und RWE als Top-Favoriten im Sektor. Begründet wurde dies damit, dass diese Unternehmen regulierte Ertragsstabilität mit sichtbarem Wachstum bei den Investitionsausgaben verbinden. Als Hintergrund nannte die Analyse, dass Energiesicherheit wieder ganz oben auf der politischen Agenda Europas steht und die zunehmende Marktvolatilität Anleger in defensive Werte treibt.
Am 09.07.2026 berichtete aktien.news über eine Barclays-Analyse zu Power-as-a-Service-Unternehmen. Die Investmentbank identifizierte acht Unternehmen, die optimal positioniert sind, um den massiven Energiebedarf des KI-Booms zu decken. Hintergrund ist, dass die Ausgaben für KI-Infrastruktur von westlichen Hyperscalern und KI-Laboren bis zu ihrem Höchststand im Jahr 2028 die Marke von einer Billion US-Dollar überschreiten könnten. Die jährlichen Ausgaben könnten dabei potenziell 300 Milliarden US-Dollar über den aktuellen Konsensschätzungen der Analysten liegen. Der Nachfrageschub resultiert laut Barclays aus dem starken Wachstum der Investitionsausgaben der großen Hyperscaler wie Amazon, Microsoft und Google.
Erst am 23.09.2026 meldete aktien.news eine Analyse der Bank of America zu europäischen Versorgeraktien. Demnach sind die Titel vor der Berichtsperiode im November für erhebliche Aufwertungen der Gewinnprognosen positioniert. BofA identifizierte mehrere Titel mit einem Potenzial von mindestens sechs bis neun Prozent nach oben zu den geschätzten Gewinnen pro Aktie für das Jahr 2027. Die US-Großbank hob vier Unternehmen hervor, darunter mit RWE auch einen deutschen Versorger. Die Analyse konzentriert sich auf Unternehmen, die kurzfristige Gewinnstärke mit längerfristigem Aufwertungspotenzial kombinieren.
Was das für Anleger bedeutet
Für deutsche Privatanleger ergibt sich aus den Berichten ein wiederkehrendes Muster. National Grid und RWE tauchen sowohl in der aktuellen Barclays-Auswahl als auch in früheren Analysen auf: National Grid und RWE bei Morgan Stanley im März, RWE erneut bei der Bank of America im September. Der Sektor wird dabei über zwei Säulen beschrieben: regulierte Netze als Stabilitätsanker und die Nachfrage von Rechenzentren als langfristiger Wachstumstreiber.
Die drei Prozentpunkte, um die der Stoxx Europe 600 Utilities-Index seit Juni hinter dem breiten europäischen Markt zurückblieb, bedeuten, dass der Sektor die Kursgewinne des Gesamtmarktes nicht mitgenommen hat. Barclays deutet diese Zurückhaltung als Chance, nicht als Warnsignal – verbindet sie aber mit einer klaren Risikoliste. Anleiherenditen, politische Entwicklungen, Wetterbedingungen und die Volatilität an den Rohstoffmärkten bleiben Faktoren, die die Entwicklung der Titel beeinflussen können. Wer in Versorger investiert, sollte diese Punkte ebenso im Blick behalten wie die operativen Fortschritte der Unternehmen. Eine Kauf- oder Verkaufsempfehlung lässt sich daraus nicht ableiten.
Ausblick
Für die kommenden Wochen stehen mehrere konkrete Termine im Kalender. Ende dieses Monats soll der britische Haushaltsplan veröffentlicht werden, was laut Barclays mehr Klarheit bezüglich der National-Grid-Aktie bringen könnte. Für den 4. November werden vorläufige Konditionen in den Verhandlungen über eine mögliche staatliche Übernahme der belgischen Nuklearaktivitäten angestrebt – ein zusätzlicher Katalysator für SSE.
In der laufenden Berichtssaison des dritten Quartals erwarten die Barclays-Analysten solide Ergebnisse, die Gewinnaufwertungen und eine potenzielle Outperformance des Sektors stützen dürften. Bei RWE verweisen sie auf den im Vergleich der bevorzugten Versorgungsunternehmen stärksten Pipeline-Katalysator im nahen Zukunftshorizont; die Gewinnerwartungen für 2026 und 2027 wurden bereits angehoben.
Kurz erklärt
- Regulierter Netzbetreiber: ein Unternehmen, das Strom- und Gasnetze betreibt und dessen Erträge von einer Regulierungsbehörde festgelegt werden.
- Overweight: eine Einstufung von Analysten, die erwarten lässt, dass eine Aktie besser abschneidet als der Gesamtmarkt.
- Outperformance: die Kursentwicklung eines Titels oder Index, die über der eines Vergleichsmaßstabs liegt.
- Pipeline-Katalysator: ein bevorstehendes Ereignis oder Projekt, das die Entwicklung einer Aktie kurzfristig in Bewegung bringen kann.
- Nuklearaktivitäten: die auf Kernkraft bezogenen Geschäftsbereiche eines Energieunternehmens.
