Anthropic vor Börsengang: Rekordumsatz trifft auf massive Milliardenverluste
Der KI-Entwickler meldet für das dritte Quartal 17 Milliarden US-Dollar Umsatz und einen Nettoverlust von 23,29 Milliarden US-Dollar.

Das KI-Unternehmen Anthropic hat im Rahmen einer aktualisierten S-1-Einreichung bei der US-Börsenaufsicht SEC detaillierte Einblicke in seine Geschäftszahlen gegeben. Damit intensiviert der Hersteller des Chatbots Claude die Vorbereitungen für einen der am sehnlichsten erwarteten Börsengänge der vergangenen Jahre. Die neuen Daten unterstreichen sowohl das explosive Wachstum als auch die enormen finanziellen Herausforderungen des Unternehmens.
Für das dritte Quartal meldete Anthropic einen Umsatz von 17 Milliarden US-Dollar. Das entspricht einem Anstieg von rund 1.127 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Betrachtet man die ersten neun Monate des Jahres 2026, belief sich der Umsatz auf 33,24 Milliarden US-Dollar – ein Zuwachs von etwa 1.200 Prozent im Vergleich zum Vorjahr.
Den hohen Erlösen stehen erhebliche Verluste gegenüber. Im dritten Quartal lag der Nettoverlust bei 23,29 Milliarden US-Dollar, der operative Verlust für denselben Zeitraum wurde mit 567 Millionen US-Dollar beziffert. Für die ersten neun Monate des Jahres belief sich der Nettoverlust auf 104 Milliarden US-Dollar. Anthropic betont in dem Dokument, dass ein Großteil dieser Summe auf die Bewertung von Wandelanleihen und derivativen Verbindlichkeiten zurückzuführen ist.
Die Ausgaben für Rechenleistung steigen um 329 Prozent
Ein zentraler Punkt der Offenlegung sind die massiven Ausgabenverpflichtungen. Anthropic hat sich zu Investitionen und Leasingverträgen verpflichtet, die nahezu vollständig in Rechenleistung und Infrastruktur fließen. Die Ausgaben für diesen Bereich stiegen in den ersten neun Monaten des Jahres um 329 Prozent auf 14,4 Milliarden US-Dollar.
Bei der Bereitstellung von Rechenkapazitäten ist das Unternehmen stark von Partnern wie Amazon, Google und SpaceX sowie von sogenannten „Neoclouds“ abhängig. Diese Abhängigkeit von externen Kapazitätsanbietern ist ein wesentlicher Bestandteil der Risikodarstellung im Prospekt.
Der Börsengang trifft auf ein schwieriges Marktumfeld
Der Börsengang findet in einem schwierigen Umfeld statt. Investoren zeigen sich zunehmend besorgt über die hohen KI-Investitionen der großen Cloud-Anbieter, deren Cashflows durch die massiven Ausgaben belastet werden. Zudem wächst die Sorge, ob die Rechenkapazitäten schnell genug ausgebaut werden können, um den Anforderungen von Anthropic gerecht zu werden. Auch steigende Zinsen, die die Finanzierung von Rechenzentren verteuern, belasten die Stimmung an der Wall Street.
Anthropic positioniert sich als sicherheitsorientierte Alternative
Anthropic wurde 2021 von ehemaligen OpenAI-Mitarbeitern um CEO Dario Amodei gegründet. Das Unternehmen positioniert sich als sicherheitsorientierte Alternative zu Wettbewerbern wie OpenAI. In seinem Prospekt führt es auf über 90 Seiten Risikofaktoren auf, darunter politische Unsicherheiten, die Komplexität der Infrastruktur sowie den schwierigen Spagat zwischen Sicherheitsstandards und kommerziellen Zielen.
Bereits am 29.09.2026 berichtete aktien.news über eine mögliche Bewertung von rund 2 Billionen US-Dollar
Bereits am 29.09.2026 berichtete aktien.news, dass Anthropic nach Einsicht in den IPO-Prospekt möglicherweise mit rund 2 Billionen US-Dollar bewertet werden könnte. Der Bericht stützte sich auf die Nachrichtenagentur Reuters und eine Kopie des Prospekts. Für deutsche Leser ist an dieser Stelle eine Begriffsklärung hilfreich: 2 Billionen US-Dollar entsprechen 2.000 Milliarden Dollar, im Englischen entspricht dies dem Wort „trillion“.
Am 15.10.2026 meldete aktien.news unter Berufung auf den US-Sender CNBC, dass der Umsatz von Anthropic im dritten Quartal auf 16,8 Milliarden US-Dollar gestiegen sei. Die zitierten Quellen nannten für das zweite Quartal rund 11,6 Milliarden US-Dollar. Damals hieß es zudem, der Börsengang sei Berichten zufolge für November geplant.
Am 21.10.2026 berichtete aktien.news über einen Bericht des Wall Street Journal, wonach Anthropic in den kommenden Jahren rund 750 Milliarden US-Dollar für zusätzliche Rechenkapazitäten ausgeben könnte. Für das erste Halbjahr 2026 wies der Prospektentwurf einen Nettoverlust von 80,7 Milliarden US-Dollar aus, im entsprechenden Vorjahreszeitraum hatte er bei 13 Milliarden US-Dollar gelegen.
Am 27.10.2026 berichtete aktien.news, dass Anthropic bei der SEC einen vertraulichen Entwurf für einen Börsengang eingereicht hat. Das Prospekt sei bemerkenswert offen, hieß es damals, und enthalte drastische Warnungen vor den Gefahren der eigenen KI-Modelle.
Für deutsche Anleger stehen zwei gegenläufige Entwicklungen im Mittelpunkt
Für deutsche Privatanleger ist entscheidend, dass die vorgelegten Zahlen zwei gegenläufige Bewegungen zeigen. Auf der einen Seite steht ein Umsatzwachstum von rund 1.127 Prozent im dritten Quartal und von etwa 1.200 Prozent in den ersten neun Monaten des Jahres 2026. Auf der anderen Seite steht ein Nettoverlust von 23,29 Milliarden US-Dollar im dritten Quartal und von 104 Milliarden US-Dollar in den ersten neun Monaten.
Anthropic weist selbst darauf hin, dass ein Großteil des Nettoverlusts auf die Bewertung von Wandelanleihen und derivativen Verbindlichkeiten zurückzuführen ist. Der operative Verlust im dritten Quartal fiel mit 567 Millionen US-Dollar deutlich kleiner aus. Gleichzeitig binden die Verpflichtungen für Rechenleistung und Infrastruktur erhebliche Mittel, und die Ausgaben in diesem Bereich stiegen in den ersten neun Monaten um 329 Prozent auf 14,4 Milliarden US-Dollar. Hinzu kommt die Abhängigkeit von Amazon, Google und SpaceX.
Der Börsengang findet zudem in einem Umfeld statt, in dem Investoren die KI-Investitionen der großen Cloud-Anbieter kritisch beobachten und steigende Zinsen die Finanzierung von Rechenzentren verteuern. Eine Kauf- oder Verkaufsempfehlung lässt sich daraus nicht ableiten. Die Bewertung des Unternehmens dürfte maßgeblich davon abhängen, wie sich Umsatzwachstum und Verlustentwicklung künftig zueinander verhalten.
OpenAI strebt einen Börsengang erst für 2027 an
Während Anthropic nun die Roadshow für seinen Börsengang vorbereitet, bleibt der Wettbewerb intensiv. Der Hauptkonkurrent OpenAI hat zwar bereits vertraulich Unterlagen eingereicht, strebt jedoch erst für 2027 einen Börsengang an. Weitere konkrete Termine für den Anthropic-Börsengang nennt der Quelltext nicht.
Drei Fachbegriffe helfen beim Verständnis des Prospekts
- S-1-Einreichung: Ein Registrierungsdokument, das ein Unternehmen bei der US-Börsenaufsicht SEC für einen Börsengang einreicht.
- Wandelanleihe: Eine Anleihe, die zu einem späteren Zeitpunkt in Aktien des Emittenten umgewandelt werden kann.
- Neoclouds: Spezialisierte Anbieter von Rechenkapazität für KI-Anwendungen, die nicht zu den großen Cloud-Konzernen zählen.
