Value-Aktien als letzter sicherer Hafen nun in Gefahr
Der eskalierende Konflikt im Nahen Osten bedroht den letzten stabilen Rückzugsort für Anleger in einem turbulenten Börsenjahr.

Value-Aktien galten in diesem Jahr als einer der wenigen verlässlichen Schutzräume für Anleger. Papiere, die zu niedrigen Multiplikatoren ihres Buchwerts gehandelt werden, steuerten im Stillen auf ein Rekordjahr zu. Doch nun droht der eskalierende Krieg im Nahen Osten diesen Trend umzukehren – und Anleger stehen vor einem immer enger werdenden Spielfeld.
Der Russell 1000 Value Index legte in diesem Jahr bislang um 2,4 Prozent zu und übertraf damit den Russell 1000 Growth Index, der um 9,1 Prozent gefallen ist. Das ist der größte Vorsprung von Value gegenüber Growth seit dem Jahr 2022. Zum Vergleich: Der breite S&P 500 Index liegt mit 3,8 Prozent im Minus und verzeichnete zuletzt sein schlechtestes Quartal seit fast vier Jahren.
Zu den stärksten Treibern des Value-Index gehörten in diesem Jahr bemerkenswerte Einzelwerte. Der Flash-Speicher-Hersteller Sandisk legte um 196 Prozent zu, das Biotechnologieunternehmen Moderna gewann 67 Prozent, und der Gesundheitsdienstleister Acadia Healthcare verbuchte ein Plus von 69 Prozent. Diese Gewinne spiegeln wider, wie breit aufgestellt der Value-Bereich ist – von Technologie über Gesundheit bis hin zu klassischen Industriewerten.
Nahost-Konflikt erschüttert die Märkte
Doch die Lage hat sich seit Ende Februar deutlich eingetrübt. Seitdem die USA und Israel einen Angriff auf den Iran starteten, ist der Russell 1000 Value Index um 4,3 Prozent gefallen. Der Konflikt treibt die Ölpreise in die Höhe und schürt Ängste vor einem wirtschaftlichen Abschwung – beides Faktoren, die typische Value-Sektoren besonders hart treffen.
Einzelne Aktien verzeichneten in diesem Zeitraum massive Verluste. Nike-Aktien brachen um 29 Prozent ein, während der Hausbauer Lennar und die Fluggesellschaft Southwest Airlines jeweils rund 24 Prozent nachgaben. Diese Unternehmen stehen exemplarisch für die Breite der Verluste, die sich durch den Value-Bereich ziehen.
Besonders betroffen sind Aktien aus Sektoren, die eng mit der Konjunktur verknüpft sind – darunter Banken, Versorger und andere zyklische Unternehmen. Diese Werte entsprechen häufig dem klassischen Profil von Value-Aktien und reagieren besonders sensibel auf geopolitische Risiken und wirtschaftliche Unsicherheiten.
Kaum noch sichere Häfen für Anleger
Die Entwicklung verdeutlicht die schwierige Lage, in der sich Anleger derzeit befinden. Die Sorgen reichen von den rasanten Fortschritten bei der künstlichen Intelligenz, die Wachstumswerte unter Druck setzt, bis hin zu geopolitischen Konflikten, die nun auch den Value-Bereich belasten. Damit schwinden die Möglichkeiten, sich im Aktienmarkt vor den vielfältigen Risiken zu schützen, zusehends.
Für deutsche Privatanleger, die auf internationale Diversifikation setzen, ist die Entwicklung besonders relevant. US-amerikanische Value-Aktien galten lange als stabilisierendes Element in einem gemischten Portfolio. Sollte der Nahost-Konflikt weiter eskalieren und die Ölpreise dauerhaft hoch bleiben, könnte diese Schutzfunktion weiter erodieren – und die Suche nach sicheren Häfen im Aktienmarkt noch schwieriger werden.
