Übernahme von Covestro: Adnoc bietet 62 Euro pro Aktie
Regulatorische Genehmigungen und lange Zeitspanne halten Aktienkurs niedrig

Der arabische Ölkonzern Adnoc plant, den Kunststoffhersteller Covestro zu übernehmen. Das Angebot beläuft sich auf 62 Euro pro Covestro-Aktie. Aktuell liegt der Kurs jedoch bei nur 58 Euro, was zunächst unverständlich erscheinen mag. Das Management von Covestro unterstützt den Deal, und eine Investitionsvereinbarung wurde nach monatelangen Verhandlungen getroffen. Für die Übernahme benötigt Adnoc eine Mindestannahmequote von 50 Prozent plus einer Aktie bei den Covestro-Aktionären.
Angesichts des Angebots könnte man meinen, dass der Aktienkurs bei 62 Euro liegen sollte, da Anleger andernfalls die Chance hätten, pro Aktie risikolos vier Euro zu verdienen, indem sie zum aktuellen Kurs kaufen und später das Übernahmeangebot annehmen. Doch der Aktienkurs bleibt unter dem Angebotspreis, was Fragen aufwirft, ob Zweifel am Zustandekommen des Deals bestehen. Zudem könnte ein niedrigerer Kurs darauf hindeuten, dass Anleger auf ein höheres Angebot spekulieren, ähnlich wie bei der Übernahme des Immobilienkonzerns Deutsche Wohnen durch Vonovia im Jahr 2021. Damals stieg der Aktienkurs bis auf das Niveau des finalen Angebots von 53 Euro je Aktie.
Im Fall von Covestro ist die Situation jedoch anders. Während bei der Übernahme von Deutsche Wohnen durch Vonovia das Kartellamt bereits zugestimmt hatte und der Abschluss des Deals in Kürze erwartet wurde, stehen bei Covestro und Adnoc noch einige Schritte aus. Ein Vergleich wird zur Übernahme von Monsanto durch Bayer im Jahr 2016 gezogen. Damals bot Bayer 122 Dollar pro Monsanto-Aktie, erhöhte das Angebot später auf 128 Dollar, doch der Aktienkurs erreichte erst nach Abschluss der Übernahme die Höhe des Angebots.
Bei der geplanten Covestro-Übernahme fehlen noch behördliche Genehmigungen. Trotzdem sieht Analyst Chris Counihan von der US-Bank Jefferies kaum regulatorische Risiken. Auch Thomas Schulte-Vorwick vom Bankhaus Metzler schätzt die regulatorischen Hürden als überschaubar ein, da sich die Produktportfolios von Adnoc und Covestro kaum überschneiden und somit wettbewerbstechnisch kein Problem darstellen sollten. Aus Regierungskreisen in Berlin hieß es, dass man den Deal zwar kritisch prüfen wolle, aber Adnoc bislang immer ein verlässlicher Partner gewesen sei.
Dass der Aktienkurs dennoch nicht bei 62 Euro steht, erklärt Schulte-Vorwick mit der langen Zeitspanne des Übernahmeprozesses. Ein Abschluss wird frühestens in der zweiten Jahreshälfte 2025 erwartet, was ein Risiko darstellt, dass in der Zwischenzeit unerwartete Ereignisse den Deal gefährden könnten. Die Differenz zwischen dem aktuellen Kurs und dem Übernahmeangebot kann daher als eine Art Halteprämie verstanden werden, anstatt auf grundlegende Bedenken hinzudeuten. Ein Scheitern des Deals könnte den Aktienkurs jedoch deutlich sinken lassen.
