Strahltriebwerke von Boeing 737 sollen Rechenzentren mit Strom versorgen
FTAI Aviation will modifizierte Flugzeugtriebwerke zur Stromversorgung von KI-Rechenzentren einsetzen – ein Milliardenmarkt entsteht.

Der Hunger nach Strom für KI-Rechenzentren treibt ungewöhnliche Lösungen hervor. FTAI Aviation, ein auf das Leasing und die Reparatur von Triebwerken spezialisiertes Unternehmen, plant noch in diesem Jahr, eine modifizierte Version des Triebwerks der Boeing 737 zur Stromerzeugung auf den Markt zu bringen. Die Aktie des Unternehmens ist seit der Ankündigung dieses Stromturbinengeschäfts bereits um rund 42 Prozent gestiegen.
Das Potenzial ist beträchtlich. Die US-Investmentbank Jefferies schätzt, dass der neue Energiebereich jährlich bis zu 750 Millionen US-Dollar zum EBITDA – also zum Ergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen – beisteuern könnte. Das entspräche etwa 52 Prozent des EBITDA, das Analysten für FTAI im laufenden Jahr erwartet hatten, bevor das Unternehmen den Einstieg ins Energiegeschäft bekannt gab.
Bewährte Technologie, neue Anwendung
Die Idee, Strahltriebwerke zur Stromerzeugung zu nutzen, ist nicht völlig neu. Energietechnik-Konzerne wie GE Vernova, Siemens Energy und Mitsubishi Heavy Industries verkaufen bereits sogenannte aeroderivative Turbinen – Stromerzeuger, die auf Strahltriebwerken basieren. Auch Triebwerkshersteller wie GE Aerospace, Howmet Aerospace und Woodward sind in diesem Segment aktiv.
Der entscheidende Unterschied liegt jedoch in der Lieferzeit. Da etablierte Anbieter jahrelange Wartelisten für ihre Stromturbinen haben, öffnet sich ein Fenster für neue Marktteilnehmer. FTAI-Präsident David Moreno erklärte in einem Interview, sein Unternehmen benötige lediglich 30 bis 45 Tage, um ein Strahltriebwerk in eine stromerzeugenden Turbine umzuwandeln.
Die Entwicklung der Turbine war laut Moreno ein rund 18-monatiges Projekt, bei dem so viele Merkmale des ursprünglichen Triebwerks wie möglich beibehalten wurden. FTAI ist als einer der größten Besitzer des CFM56-Triebwerks – dem meistverkauften Modell in der zivilen Luftfahrt – strategisch gut positioniert, um diesen boomenden Markt zu erschließen.
Neue Wettbewerber drängen in den Markt
Neben FTAI drängen weitere Unternehmen in das Segment. ProEnergy, ein von Private-Equity-Investoren unterstütztes Unternehmen, vertreibt Erdgasturbinen auf Basis des Triebwerks, das auch die Boeing 747 antreibt. Das Luftfahrt-Startup Boom Supersonic gab im Dezember bekannt, eine modifizierte Version seines Triebwerks als Erdgas-Stromturbine zu vermarkten. Erster Kunde ist das KI-Rechenzentrum-Startup Crusoe, das seine Turbinen voraussichtlich im Jahr 2027 erhalten wird.
Für deutsche Investoren verdeutlicht diese Entwicklung, wie breit der KI-Boom inzwischen in die Realwirtschaft ausstrahlt. Neben klassischen Chipherstellern und Cloud-Anbietern profitieren nun auch Unternehmen aus der Luftfahrtindustrie von der explodierenden Nachfrage nach Rechenzentrums-Infrastruktur.
