SpaceX, OpenAI, Anthropic: Billionen-Börsengänge ohne Gewinne
Die größte IPO-Welle der US-Geschichte naht – doch alle drei Kandidaten schreiben rote Zahlen und müssen Profitabilität erst beweisen.

Die USA stehen vor einer historischen Börsengangswelle. SpaceX, OpenAI und Anthropic – drei der bekanntesten Technologieunternehmen der Welt – bereiten sich auf ihren Gang an die Börse vor. Was sie neben ihrem enormen Wachstumspotenzial verbindet: Keines von ihnen schreibt schwarze Zahlen. Für Privatanleger stellt sich damit eine entscheidende Frage – sind die aufgerufenen Bewertungen überhaupt gerechtfertigt?
Die Analysefirma LPL Financial schätzt, dass die drei Börsengänge den bereits 69 Billionen Dollar schweren US-Aktienmarkt um weitere drei Billionen Dollar vergrößern könnten. Anthony Saglimbene, Chef-Marktstratege bei Ameriprise, bringt die Herausforderung auf den Punkt: „Sobald wir die anfängliche Begeisterungsphase hinter uns gelassen haben, in der jeder die Aktien haben will, wird es für diese Unternehmen entscheidend sein, genau zu zeigen, wie hoch ihre Gewinne sind."
Bewertungen auf Augenhöhe mit Schwergewichten – ohne deren Profitabilität
Die angestrebten Bewertungen sind schwindelerregend. Elon Musks Raumfahrt- und KI-Konzern SpaceX peilt eine Marktkapitalisierung von 1,75 Billionen Dollar an – das wäre der größte Börsengang aller Zeiten. ChatGPT-Entwickler OpenAI strebt Berichten zufolge eine Bewertung von rund einer Billion Dollar an. Anthropic, der KI-Rivale von OpenAI, wurde zuletzt im Februar bei einer Finanzierungsrunde mit 380 Milliarden Dollar bewertet.
Diese Zahlen bewegen sich auf dem Niveau etablierter Konzerne wie Meta oder Palantir – Unternehmen, die jedoch bereits eine nachgewiesene Geschichte nachhaltiger Gewinne vorweisen können. Genau daran mangelt es den drei IPO-Kandidaten noch.
SpaceX etwa erzielte im vergangenen Jahr zwar einen Umsatz von mehr als 18,6 Milliarden Dollar, verbuchte dabei aber einen Verlust von fast fünf Milliarden Dollar. Das geht aus Auszügen einer vertraulichen Registrierungserklärung hervor, die der Nachrichtenagentur Reuters vorliegen. Der Börsengang ist für Juni geplant. Gleichzeitig fließt viel Kapital in das KI-Startup xAI sowie in die Entwicklung wiederverwendbarer Raketen im Rahmen des Starship-Programms. Das Satelliten-Internetgeschäft Starlink gilt bei vielen Investoren dennoch als potenzieller Wachstumsmotor. Auch OpenAI und Anthropic sind Medienberichten zufolge unprofitabel und befinden sich noch in frühen Phasen der IPO-Vorbereitung.
Tech-Boom befeuert den Anleger-Appetit
Das Trio setzt darauf, vom anhaltenden Hunger der Anleger auf wachstumsstarke Technologieaktien zu profitieren. Dieser Boom hat bereits eine kleine Gruppe von Unternehmen zu dominanten Kräften im S&P 500 gemacht. Die sogenannten „Glorreichen Sieben" – Apple, <a class="tvreplink" target="_blank" href="https://de.tradingview.com/symbols/Nasdaq%3AMSFT">Microsoft, Alphabet, Amazon, Nvidia, Meta und Tesla – vereinen inzwischen rund ein Drittel der gesamten Indexgewichtung auf sich.
Ihr Gewinnwachstum unterstreicht diese Sonderstellung eindrucksvoll. Laut Tajinder Dhillon, Experte beim Börsenbetreiber LSEG, erzielten die sieben Konzerne 2023 ein Gewinnwachstum von 43,2 Prozent, 2024 waren es 36,9 Prozent und 2025 noch 25,3 Prozent. Die übrigen 493 Unternehmen im Index kamen im gleichen Zeitraum auf minus 1,3 Prozent, plus 7,0 Prozent und plus 10,9 Prozent – ein deutlicher Kontrast.
Index-Aufnahme als entscheidende Hürde
Für langfristig orientierte Privatanleger ist ein weiterer Aspekt besonders relevant: die Aufnahme in wichtige Aktienindizes. S&P Dow Jones Indices verlangt vier aufeinanderfolgende Quartale mit positivem Ergebnis sowie mindestens zwölf Monate Handelshistorie, bevor ein Unternehmen für den S&P 500 qualifiziert werden kann. Eine Index-Mitgliedschaft löst automatische Käufe in Billionenhöhe aus – und fehlt sie, entfällt diese strukturelle Kaufunterstützung.
Das Beispiel Tesla zeigt, wie lang dieser Weg dauern kann: Der Elektroautobauer ging 2010 an die Börse, wurde aber erst 2020 – nach dem Erreichen nachhaltiger Profitabilität – in den S&P 500 aufgenommen. Ein ähnlicher Zeitrahmen für SpaceX, OpenAI oder Anthropic würde bedeuten, dass Anleger jahrelang auf diese strukturelle Rückendeckung verzichten müssten.
Einige Analysten warnen zudem, dass eine spätere Index-Aufnahme der Börsenneuankömmlinge die ohnehin schon ausgeprägte Konzentration im US-Aktienmarkt weiter verstärken könnte. Rodney Comegys, Chefinvestor bei Vanguard Capital Management, mahnt zur Vorsicht: „Die Geschichte zeigt, dass nicht jeder frühe Marktführer bei einer neuen Technologie am Ende ein langfristiger Gewinner ist." Für Privatanleger bleibt die zentrale Frage: Wie viel Wachstumsfantasie ist ohne Gewinne wirklich tragfähig?
