Siemens-Hauptversammlung: Busch zeigt Hardware statt Visionen
Nach schwachem Kapitalmarkttag setzt CEO auf greifbare Produkte – Aktionäre wollen Klarheit beim Software-Geschäft

Die Siemens-Hauptversammlung in der Münchner Olympiahalle markiert eine Zeitenwende: Erstmals seit sechs Jahren treffen sich Aktionäre wieder in Präsenz, und CEO Roland Busch nutzt die Gelegenheit für eine ungewöhnliche Show. Statt abstrakter Konzernvisionen präsentiert er konkrete Hardware – von Steuerungen bis zu Leistungsschaltern.
Von 5.000 angemeldeten Teilnehmern erschienen nur 3.500, doch die Stimmung ist gut. Die jüngsten Quartalszahlen übertrafen die Erwartungen, die Jahresprognose wurde angehoben. Die Aktie reagierte prompt mit Kursgewinnen. Busch, der fast auf den Tag genau fünf Jahre im Amt ist, wirkt entspannt und nimmt sich Zeit für Selfies mit jungen Besuchern.
Aufsichtsratschef Jim Hagemann Snabe eröffnet die Versammlung mit einer Würdigung der scheidenden Vorstände. Finanzchef Ralf Thomas übergibt nach 13 Jahren an Veronika Bienert, Matthias Rebellius macht Platz für Peter Körte. Letzterer übernimmt die boomende Infrastruktur-Sparte und gilt Medienberichten zufolge als möglicher Busch-Nachfolger – eine Einschätzung, die der CEO zurückweist.
Digitale Zwillinge treffen auf analoge Züge
Snabe spricht von KI für die reale Welt und der Verschmelzung digitaler und physischer Sphären. Doch in den Gesichtern vieler Privataktionäre zeigen sich Fragezeichen. Busch scheint das Problem zu erkennen: Nach dem vagen Kapitalmarkttag im November, der die Aktie abstürzen ließ, will er diesmal greifbarer werden.
Der CEO verwandelt die Bühne in eine Art Teleshopping-Arena. Er hält graue Kästen hoch – industrielle Steuerungen, KI-Computer, Halbleiter-Leistungsschalter. Mitarbeiter präsentieren ihre Produkte, das Publikum applaudiert bei der Nachricht über 200 Prozent Umsatzwachstum bei chinesischen Antrieben.
Richtig lebendig wird es erst bei den Zügen: Vollautomatisierte S-Bahnen für Kopenhagen, 1.200 elektrifizierte Züge für Indien, die Metro in Singapur – alles von Siemens. Als Busch die Fertigung in München-Allach erwähnt, geht ein anerkennendes Raunen durch die Reihen. Züge versteht man eben besser als GPUs und Leistungsschalter.
Nvidia-Partnerschaft und Software-Fragen
Die virtuelle Welt bleibt dennoch zentral für Siemens' Zukunftsstrategie. Im Sommer startet der "Digital Twin Composer", der mehrere digitale Zwillinge vereint und industrielle Simulationen effizienter macht. Eine Videobotschaft von Nvidia-Chef Jen-Hsun Huang unterstreicht die Partnerschaft: Gemeinsam entwickeln beide ein KI-basiertes Betriebssystem für die Industrie.
"Wir sind überzeugt, dass Europa bei industrieller KI führend werden kann", betont Busch. Die Zusammenarbeit mit dem US-Chipgiganten soll Siemens als Anbieter physischer KI-Lösungen positionieren – jede Fabrik brauche künftig zwei Fabriken: eine produzierende und eine KI-gesteuerte.
Investoren fordern Transparenz
In der Generaldebatte zeigen sich Banken- und Fondsvertreter erfreut über Zahlen und Ausblick. "Siemens spielt in der Top-Liga im DAX", lobt Ingo Speich von der Deka-Bank. Doch er mahnt auch: "Ihr Gewinnwachstum ist trotz passabler Umsatzziele viel zu gering."
Die zentrale Frage betrifft das Software-Geschäft: Welche Margen und Ergebnisse sind mittelfristig erreichbar? Der Umsatz wächst, doch zu Gewinnen hält sich der Konzern bedeckt. Speich fragt kritisch: "Liegt das an höheren Investitionen in Software und KI? Rechnet sich das überhaupt?" Auch zum Zeitplan für die Abspaltung von Siemens Healthineers gibt es keine konkreten Angaben.
Digitale Zukunft trotz analoger Kritik
Daniela Bergdolt von der DSW freut sich über die Präsenz-Veranstaltung: "Wir sind gekommen, um zu bleiben." Der Wunsch des Konzerns nach digitalen Hauptversammlungen für die nächsten fünf Jahre stößt im Saal auf Ablehnung – wird aber trotzdem mit 83 Prozent angenommen.
Der Grund: Der US-Stimmrechtsberater ISS empfahl die Zustimmung, internationale Investoren folgten. So überstimmten sie das gesprochene Wort in der Olympiahalle. Kurz nach 17 Uhr sind alle Vorschläge angenommen, Vorstand und Aufsichtsrat entlastet.
Busch darf die nächste Hauptversammlung also wieder digital abhalten. Nach seinem erfolgreichen Auftritt mit Hardware statt Buzzwords könnte er aber Gefallen am persönlichen Format gefunden haben. Die Aktionäre würden es ihm danken – vorausgesetzt, die Software-Strategie wird endlich greifbarer.
