Ölpreis über 100 Dollar: US-Iran-Krieg hält Märkte in Atem
Der Brent-Preis schwankt heftig zwischen Kriegsangst und Entspannungssignalen – mit enormen Folgen für Anleger und Verbraucher.

Der Rohölmarkt erlebt turbulente Zeiten. Brent, die maßgebliche Nordseesorte, notierte am 12. Oktober bei 104,23 USD je Barrel – ein Rückgang von rund einem Prozent gegenüber dem Vortag. Damit setzt sich ein Muster fort: Kurze Erholungen wechseln sich mit Rücksetzern ab, während der übergeordnete Trend seit Jahresbeginn dramatisch nach oben zeigt. Seit Januar hat sich Brent um rund 65 Prozent verteuert – ein Anstieg, der vor allem einem Faktor geschuldet ist: dem militärischen Konflikt zwischen den USA und dem Iran sowie dem eskalierenden Nahost-Krieg.
Bereits am 9. Oktober war Brent kurzzeitig auf fast 106 USD je Barrel gestiegen, bevor er auf 102,93 USD zurückfiel – ein Tagesverlust von 1,29 Prozent. Am 6. Oktober hatte der Preis noch bei 98,56 USD gelegen, was einem Minus von 1,5 Prozent entsprach. Rund um den 25. September war Brent sogar innerhalb von nur 48 Stunden um rund zehn Prozent gestiegen und hatte dabei kurzzeitig mehr als 70 Prozent über dem Jahresanfangsniveau gelegen. Solche Ausschläge verdeutlichen, wie nervös der Markt auf jede neue Meldung aus der Krisenregion reagiert.
Straße von Hormus: Das Nadelöhr der Weltenergieversorgung
Im Zentrum der Marktsorgen steht die Straße von Hormus. An ihrer engsten Stelle ist sie lediglich 35 bis 40 Kilometer breit – und doch passieren laut US-Präsident Donald Trump täglich rund 22 Millionen Barrel Öl diese Meerenge, die den Persischen Golf mit den Weltmärkten verbindet. Eine Blockade oder auch nur die glaubhafte Drohung damit reicht aus, um die Ölpreise in die Höhe zu treiben.
Genau diese Drohung hat der iranische Parlamentspräsident Mohammed Bagher Ghalibaf ausgesprochen. Laut der iranischen Staatsagentur Irna erklärte er: „In einer Region, in der wir kein Öl verkaufen können, wird niemand Öl verkaufen." Gleichzeitig übermittelte der iranische Außenminister Abbas Araghtschi den USA einen Sieben-Tage-Plan zur Öffnung der Straße von Hormus – ein Signal, das das Weiße Haus als „positive und konstruktive Gespräche" über Vermittler bestätigte. Der Markt schwankt damit zwischen Eskalationsangst und Hoffnung auf Deeskalation.
Das US-Militär setzt seit Mitte Juli eine Seeblockade iranischer Häfen durch. Die Huthis aus dem Jemen haben im Juli eine neue Front eröffnet und greifen seitdem saudische Energieinfrastruktur sowie Tanker an. Zwei Angriffe auf Flughäfen in Saudi-Arabien forderten insgesamt 13 Todesopfer und elf Verletzte. Frankreichs Präsident Emmanuel Macron reagierte und kündigte den Schutz des saudischen Ölterminals in Yanbu durch französische Soldaten und Radarsysteme an.
Angebot unter Druck, Preise unter Spannung
Auf der Angebotsseite zeigt sich das Ausmaß der Krise deutlich. Kuwait fördert derzeit nur noch rund 75 Prozent seiner Vorkriegsproduktion. Saudi Aramco senkte den Preis für Arab Light für asiatische Abnehmer auf den niedrigsten Stand seit sechs Jahren – ein Zeichen, dass der Konzern Marktanteile verteidigen will, während die Unsicherheit über Lieferwege wächst. Der Irak wiederum plant, zusätzliche Schiffe anzumieten, um Lieferungen durch die Straße von Hormus abzusichern.
Dem gegenüber stehen dämpfende Faktoren: Die Freigabe strategischer Ölreserven belastet die Rohölpreise, und kräftig gestiegene Frachtraten erhöhen die Kosten für alle Marktteilnehmer. Naohiro Niimura vom Market Risk Advisory brachte die Lage gegenüber Bloomberg auf den Punkt: „Die Sorgen um das Angebot bleiben bestehen, weshalb es für den Markt schwierig ist, über längere Zeit auf fallende Preise zu setzen."
Trumps Kalkül vor den Zwischenwahlen
Ein weiterer Unsicherheitsfaktor ist die US-Innenpolitik. Nachdem Axios und NBC News über mögliche neue US-Angriffe auf den Iran berichtet hatten, dementierte Trump persönlich auf Truth Social: „Wir werden den Iran zu keinem Zeitpunkt vor den Zwischenwahlen am 3. November angreifen." Die Märkte reagierten auf dieses Statement mit kurzfristiger Erleichterung – doch die grundlegende Unsicherheit bleibt bestehen, denn was nach dem 3. November kommt, ließ Trump offen.
Analyst Haris Khurshid von Karobaar Capital sieht Brent in einer Spanne von 100 bis 110 USD als Basisszenario. Im Eskalationsfall hält er Preise von 120 USD für möglich, während eine Entspannung den Preis unter die 100-Dollar-Marke drücken könnte. Für Privatanleger bedeutet das: Der Ölmarkt bleibt ein hochvolatiles Terrain, das von geopolitischen Nachrichten getrieben wird und weniger von klassischen Angebots- und Nachfragefaktoren. Wer in Energietitel oder rohstoffnahe Fonds investiert ist, sollte die Entwicklungen rund um die Straße von Hormus und die US-Zwischenwahlen genau im Blick behalten.
