KI-Hyperscaler: Versteckte Leasingrisiken bedrohen Metas Bilanz
Kreditanalysten warnen vor massiven außerbilanziellen Leasingverpflichtungen bei KI-Hyperscalern – Meta steht dabei besonders im Fokus.

Während Aktienanleger die KI-Euphorie feiern, richten Anleiheinvestoren ihren Blick auf eine weitgehend übersehene Gefahr: die außerbilanziellen Leasingverpflichtungen der großen Technologiekonzerne. Ein Anleihe-Portfoliomanager bei Barksdale Investment Management und Herausgeber des „The Credit Investor's Handbook" warnt in einem Beitrag für die Financial Times eindringlich vor den Risiken, die sich hinter den Bilanzen der sogenannten Hyperscaler verbergen.
Der Kern des Problems liegt in der Natur von Operating-Leasingverhältnissen. Diese sind – ähnlich wie Anleihecoupons – außerhalb einer Insolvenz in der Regel unkündbar und stellen damit echte finanzielle Verpflichtungen dar. Seriöse Kreditanalysten beziehen Leasingverpflichtungen daher stets in ihre Bilanzberechnungen ein und „kapitalisieren" sie – auch wenn der Emittent selbst dies nicht tut. Die Faustregel lautet: Leasingverbindlichkeiten zu den Schulden addieren und durch das EBITDA plus Miete dividieren, um den sogenannten leasingbereinigten Verschuldungsgrad zu ermitteln.
Metas 347-Milliarden-Dollar-Zeitbombe
Das Ausmaß dieser versteckten Risiken wird am Beispiel Meta besonders deutlich. Der Konzern wies in seinem jüngsten Quartalsbericht künftige Leasingverpflichtungen in Höhe von rund 347 Milliarden US-Dollar für Projekte aus, die noch nicht einmal begonnen haben. Zum Vergleich: Die bilanzierten Schulden von Meta beliefen sich Ende 2025 auf lediglich 84 Milliarden US-Dollar – ein Bruchteil dieser außerbilanziellen Last.
Wichtig zu verstehen: Die 347 Milliarden US-Dollar sind nicht die bilanzielle Operating-Leasingverbindlichkeit. Meta wird einen Abzinsungssatz anwenden, um den Barwert der jeweiligen Leasingverpflichtungen zu berechnen, sobald diese in Betrieb gehen. Selbst dann wäre ein zweistelliger Abzinsungssatz erforderlich, um diesen Betrag unter die Marke von 100 Milliarden US-Dollar zu drücken – ein Szenario, das als unrealistisch gilt.
Hinzu kommt ein strukturelles Transparenzproblem: Umfassende Angaben zu Leasingverhältnissen sind nur jährlich erforderlich. In einem Jahr wie 2026, in dem es zu einer Explosion von Leasingverträgen für Rechenzentren gekommen ist, könnten Gläubiger im nächsten Geschäftsbericht von Meta eine unangenehme Überraschung erleben. Erschwerend kommt hinzu, dass Rechenzentrum-Leasingverträge im Gegensatz zu standardisierten Ladenmietverträgen hochindividuell sind – jeder Vertrag ist ein Unikat.
Joint Ventures verschleiern das wahre Ausmaß
Ein weiteres Beispiel für die Komplexität dieser Strukturen ist das Joint Venture zwischen Meta und der Private-Capital-Firma Blue Owl. Die beiden Unternehmen gründeten im vergangenen Jahr eine Zweckgesellschaft zum Bau eines riesigen Rechenzentrums in Louisiana namens „Hyperion". Solche Vehikel erschweren die Bilanzanalyse erheblich, da sich die meisten der dazugehörigen Rechenzentren noch in der Bauphase befinden und sich daher noch nicht in den Operating-Leasingverbindlichkeiten der Konzernbilanz widerspiegeln.
Anfang dieses Jahres begab Meta bereits Anleihen im Wert von 25 Milliarden US-Dollar für den Ausbau seiner KI-Infrastruktur. Analysten rechneten diese Summe pflichtbewusst zur Schuldenlast hinzu. Doch die Leasingverpflichtungen aus Projekten wie Hyperion entziehen sich einer so einfachen Einordnung – und genau das ist das Problem.
Anleihen handeln wie High-BBB-Papiere
Die Konsequenzen dieser Unsicherheit zeigen sich bereits am Markt. Metas Anleihen werden laut dem Autor derzeit ähnlich wie Schuldtitel von Verizon gehandelt, die mit High-BBB bewertet sind. Am Aktienmarkt hingegen spiegelt sich diese Parität nicht wider: Das Kurs-Gewinn-Verhältnis von Meta ist mehr als doppelt so hoch wie das von Verizon.
Sell-Side-Analysten schätzen, dass Metas Investitionsausgaben bis 2028 die Marke von 500 Milliarden US-Dollar übersteigen könnten – ein Betrag, der den prognostizierten operativen Cashflow mehr als aufzehren würde. Ob diese Finanzierung über Schulden oder Leasingverpflichtungen erfolgt, ist dabei zweitrangig: Meta und seine verbundenen Unternehmen werden in den nächsten Jahren regelmäßig an die Kreditmärkte zurückkehren müssen.
Die Geschichte zeigt, dass der Aktienmarkt dazu neigt, außerbilanzielle Verpflichtungen zu ignorieren – oder sogar zu bevorzugen –, bis ein Wendepunkt erreicht ist. Kreditanalysten hingegen werden diese Risiken früher oder später in den Spreads einpreisen, die sie für den Besitz von Hyperscaler-Anleihen verlangen. Für Aktienanleger könnte das ein Warnsignal sein, das sie bislang weitgehend ignorieren.
