KI-Disruption treibt Investoren zu 'AI-immunen' Aktien
US-Anleger flüchten aus Tech-Werten in sogenannte HALO-Aktien – und die Energiepolitik folgt dem KI-Boom.

Die Märkte vollziehen eine bemerkenswerte Rotation: Kapital fließt aus hochbewerteten Technologieaktien heraus und in Unternehmen, die als resistent gegenüber künstlicher Intelligenz gelten. Josh Brown von Ritholtz Wealth Management prägte dafür den Begriff 'HALO' – Heavy Assets, Low Obsolescence. Gemeint sind Unternehmen mit schweren physischen Vermögenswerten, die sich nicht durch einen einfachen KI-Prompt ersetzen lassen.
Zu den bevorzugten HALO-Sektoren zählen Industrieunternehmen, Rohstoffkonzerne, Versorger und Basiskonsumgüter. Konkrete Beispiele sind Fast-Food-Ketten wie McDonald's, Energieriesen wie Exxon Mobil und Maschinenbauer wie Deere. Der Sektor Basiskonsumgüter verzeichnete bis zum 20. Februar die beste Jahresanfangsperformance seiner Geschichte – während Informationstechnologie und die sogenannten Magnificent Seven deutlich hinterherhinken.
Die Nervosität der Anleger ist berechtigt: Als Anfang Februar Berichte über neue KI-Automatisierungstools des Unternehmens Anthropic die Runde machten, vernichteten diese Meldungen rund 300 Milliarden Dollar an Börsenwert – vor allem bei Software-, Finanzdaten- und Börsenaktien.
KI bedroht auch physische Produkte
Dass KI nicht nur Software-Dienste gefährdet, zeigt das Beispiel der Ray-Ban-KI-Smartbrille von Meta Platforms. Obwohl sich die Verkäufe im vergangenen Jahr auf über 7 Millionen Stück verdreifachten, gaben die Aktien des Herstellers EssilorLuxottica nach. Die operative Marge des Unternehmens sank 2025 um 70 Basispunkte auf 16 Prozent – ein Zeichen dafür, dass der Wert von der physischen Marke zur eingebetteten Software wandert.
Dieses Muster kennen Anleger bereits aus anderen Branchen: Bei Elektroautos differenzieren Software-Fähigkeiten neue Anbieter wie Tesla und BYD von etablierten Herstellern. Bei Smartwatches hat die Digitalisierung die weltweiten Verkäufe traditioneller Schweizer Uhren seit dem Jahr 2000 halbiert. Analysten warnen daher: Auch Hersteller von Haushaltsgeräten, Maschinen und Fahrzeugen müssen ihre Produkte künftig durch die Linse möglicher KI-Disruption neu bewerten.
Energiepolitik richtet sich auf KI-Bedarf aus
Parallel dazu vollzieht das US-amerikanische Office of Energy Dominance Financing (EDF) – mit 289 Milliarden Dollar Kreditvergabevolumen der weltgrößte Energiekreditgeber – eine strategische Kehrtwende. Unter dem neuen Direktor Gregory Beard, einem ehemaligen Apollo-Manager, wurden über 80 Prozent des Biden-Portfolios im Wert von 83,6 Milliarden Dollar überprüft. Rund 30 Milliarden Dollar an Kreditzusagen wurden gestrichen, etwa 53 Milliarden Dollar umstrukturiert.
Die neue Prioritätenliste der Behörde – früher bekannt als Loan Programs Office – umfasst sechs Bereiche: Kernenergie, Kohle, Öl, Gas und Kohlenwasserstoffe, kritische Rohstoffe und Mineralien, Geothermie, Strom- und Übertragungsnetze sowie Fertigung und Transport. Ziel ist es, den stark wachsenden Strombedarf durch KI-Rechenzentren, die Rückverlagerung von Produktion in die USA und die allgemeine Elektrifizierung zu decken.
Kernenergie nimmt dabei eine Schlüsselrolle ein: Die Regierung plant, die US-Kapazität bis 2050 zu vervierfachen. Kernkraftwerke erreichen einen Kapazitätsfaktor von über 90 Prozent und eignen sich damit ideal als Grundlastversorgung für energiehungrige KI-Infrastruktur. Zudem soll die Abhängigkeit von China bei kritischen Mineralien reduziert werden – ein strategisches Ziel, das direkte Auswirkungen auf globale Lieferketten haben dürfte.
Der gemeinsame Nenner dieser Entwicklungen ist klar: Künstliche Intelligenz bestimmt zunehmend, wohin Kapital fließt – ob in vermeintlich sichere Sachwerte, in die Neubewertung physischer Produkte oder in den massiven Ausbau der Energieinfrastruktur.
