Intel-Aktie: Starke Rally, aber Bewertung birgt erhebliche Risiken
Intel schießt 88% in die Höhe – doch die ambitionierte Bewertung läuft dem tatsächlichen Turnaround-Fortschritt weit voraus.

Die Intel-Aktie hat in diesem Jahr bereits 88% zugelegt und sich in den letzten zwölf Monaten mehr als verdreifacht. Damit nähert sich die Marktkapitalisierung des traditionsreichen Chipherstellers erstmals seit dem Jahr 2000 wieder der Marke von 350 Milliarden US-Dollar. Doch Analysten warnen: Die Anleger handeln, als sei der Turnaround bereits vollzogen – obwohl Intel noch einen weiten Weg vor sich hat.
Besonders auffällig ist die aktuelle Bewertung. Intel wird derzeit mit mehr als dem 130-Fachen seines für dieses Jahr erwarteten Gewinns bewertet. Das übertrifft sogar den Spitzenmultiplikator von 60, den die Aktie während der Dotcom-Blase kurzzeitig erreichte. Für ein Unternehmen, das sich mitten in einem ehrgeizigen Turnaround befindet, ist dies eine außergewöhnlich riskante Bewertung.
Komplexer Strategiewechsel auf mehreren Fronten
Intel kämpft gleichzeitig an mehreren Fronten. Einerseits versucht der Konzern, den technologischen Rückstand in der Chipherstellung gegenüber dem taiwanischen Branchenführer TSMC aufzuholen – eine Führungsposition, die Intel vor einigen Jahren verloren hat. Andererseits vollzieht das Unternehmen einen komplexen Strategiewechsel: Intel entwirft weiterhin eigene Chips, fertigt aber parallel dazu auch Chips, die von Drittunternehmen entwickelt wurden.
Zusätzlich versucht Intel, verlorene Marktanteile bei Prozessoren für Server und PCs zurückzugewinnen. All diese Prozesse laufen noch, wenngleich das Unternehmen bereits bemerkenswerte Fortschritte erzielt hat. Im Jahr 2000 war Intel noch der unangefochtene Marktführer sowohl beim Design als auch bei der Herstellung der fortschrittlichsten Halbleiter weltweit – eine Stellung, die das Unternehmen nun mühsam zurückzuerobern versucht.
Nvidia-Deal und Trump-Effekt befeuern die Rally
Im September schloss Intel eine Vereinbarung mit Nvidia zur gemeinsamen Entwicklung einer neuen Chip-Klasse für Rechenzentren und Laptops ab. Dieser Deal löste die jüngste Kursrallye aus. Doch auch politische Impulse spielten eine Rolle: Anfang Januar stieg die Intel-Aktie an einem einzigen Tag um 11%, nachdem US-Präsident Trump auf seinem Netzwerk Truth Social Intel-Chef Lip-Bu Tan lobte und erklärte, die US-Regierung sei „stolz darauf, Aktionär von Intel zu sein".
Im vergangenen Monat kamen weitere positive Nachrichten hinzu. Intel sicherte sich einen bedeutenden Liefervertrag mit Google und wurde als Partner für Elon Musks Terrafab-Projekt benannt. Dieses Projekt sieht den Bau einer gewaltigen neuen Chip-Produktionsstätte in Texas vor, um den Bedarf von Tesla und SpaceX zu decken.
Trotz dieser positiven Entwicklungen bleibt die zentrale Frage offen: Kann Intel tatsächlich eine Ertragskraft erreichen, die die aktuelle Bewertung rechtfertigt? Angesichts des sich wandelnden Geschäftsmodells und der harten Wettbewerbsrealität auf dem boomenden Markt für KI-Chips erscheint dies eine schwer zu beantwortende Frage. Für deutsche Privatanleger bedeutet dies: Die Intel-Aktie bietet zwar eine spannende Turnaround-Story, birgt aber bei der aktuellen Bewertung erhebliche Risiken, sollte der Konzern seine ambitionierten Ziele verfehlen.
