Indiens Wirtschaft widerstandsfähig, aber Nahostkrieg erhöht Risiken
Ein neuer Regierungsbericht warnt: Der Nahostkonflikt bedroht Indiens Energieversorgung, Handel und makroökonomische Stabilität spürbar.

Indiens Wirtschaft zeigt sich weiterhin robust, steht jedoch vor wachsenden externen Herausforderungen. Das geht aus dem monatlichen Wirtschaftsbericht der indischen Regierung hervor, der am Mittwoch veröffentlicht wurde. Der Nahostkonflikt habe die Versorgung mit Energie, Düngemitteln und industriellen Rohstoffen unterbrochen, die Kosten in die Höhe getrieben und den Handel geschwächt.
„Indien tritt in das Geschäftsjahr 2026/27 am Schnittpunkt von inländischer Widerstandsfähigkeit und externen Turbulenzen ein", heißt es im Bericht. Der Krieg in Westasien verändere den makroökonomischen Ausblick, nachdem das Land im vorangegangenen Geschäftsjahr ein reales BIP-Wachstum von 7,6 Prozent verzeichnet hatte. Trotz der Risiken bleibt Indien laut Regierung ein relativer Lichtblick: Der Internationale Währungsfonds (IWF) hat seine Wachstumsprognose für das Land für 2026/27 sogar leicht von 6,4 auf 6,5 Prozent angehoben.
Inflation und Energiepreise steigen
Dennoch warnt der Bericht deutlich: Die Risiken tendieren zu höherer Inflation, größeren Haushalts- und Leistungsbilanzdefiziten sowie einem langsameren Wachstum – insbesondere falls die Versorgungsunterbrechungen bei Energie und Düngemitteln anhalten. Der Durchschnittspreis für den indischen Rohölkorb lag im März bei 113 US-Dollar pro Barrel und stieg bis zum 24. April auf knapp unter 115 US-Dollar pro Barrel.
Die Verbraucherinflation blieb zwar moderat, zog im März jedoch auf 3,4 Prozent an, nach 3,2 Prozent im Februar. Die Lebensmittelinflation kletterte auf 3,87 Prozent. Besonders auffällig ist der Anstieg der Großhandelsinflation: Sie beschleunigte sich im März auf 3,88 Prozent, verglichen mit 2,13 Prozent im Februar – ein deutliches Signal dafür, dass höhere Energie- und Rohstoffpreise bereits auf Erzeugerebene ankommen. „Die Risiken deuten eher auf ein Anhalten als auf eine schnelle Umkehr des Preisdrucks hin", warnt der Bericht.
Handel und Exporte unter Druck
Auch der Außenhandel leidet unter den Folgen des Konflikts. Im März gingen die indischen Warenexporte im Jahresvergleich um 7,4 Prozent zurück. Besonders gravierend: 24 von 30 wichtigen Exportkategorien verzeichneten Rückgänge. Die Exporte in die Vereinigten Arabischen Emirate und nach Saudi-Arabien fielen deutlich, da die Blockade der Straße von Hormus die Fracht-, Versicherungs- und Logistikkosten massiv in die Höhe trieb.
Ein weiteres Risiko betrifft die Rücküberweisungen indischer Arbeitnehmer aus der Golfregion. Diese hatten im Geschäftsjahr 2025 mit 135,4 Milliarden US-Dollar einen Rekordwert erreicht. Laut Bericht könnten diese Zuflüsse unter Druck geraten, falls ein langwieriger Konflikt die Arbeitsmärkte in der Golfregion schwächt – ein für Indien bedeutsamer Faktor, da Millionen Inder in den Golfstaaten beschäftigt sind.
Arbeitsmarkt stabilisiert, Vertrauen schwindet
Auf dem Arbeitsmarkt stieg die Arbeitslosenquote im März auf 5,1 Prozent, nach 4,9 Prozent im Februar. Die Bedingungen hätten sich zwar weitgehend stabilisiert, so der Bericht, doch das Vertrauen in künftige Beschäftigungsaussichten habe sich abgeschwächt – insbesondere im städtischen Indien. Dies ist ein Warnsignal für die Binnennachfrage, die bislang eine wichtige Stütze des indischen Wachstums war.
Für internationale Investoren und Beobachter verdeutlicht der Bericht, wie stark selbst eine der am schnellsten wachsenden Volkswirtschaften der Welt von geopolitischen Verwerfungen abhängig ist. Indien importiert einen Großteil seines Energiebedarfs und ist eng mit den Märkten der Golfregion verflochten – sowohl über den Handel als auch über die Arbeitsmigration.
