Hedgefonds verschärfen Druck auf deutsche Unternehmen
Aktivistische Investoren fordern Rendite, Klimaschutz rückt in den Hintergrund

Aktivistische Investoren verstärken ihre Kampagnen gegen deutsche Firmen. Eine exklusive Studie des Beratungsunternehmens Alvarez & Marsal (A&M), die dem Handelsblatt vorliegt, zeigt, dass sich Hedgefonds zunehmend auf maximale Renditen konzentrieren und die Nachteile des Standorts Deutschland betonen. Dabei rücken Forderungen nach stärkerem Klimaschutz in den Hintergrund. Vor drei Jahren waren viele Kampagnen noch mit ESG-Themen (Environmental, Social, Governance) verknüpft, da sich die Fonds davon Kursgewinne versprachen. Dies hat sich laut Patrick Siebert, Managing Director und Co-Head Deutschland von A&M, geändert.
ESG-Kriterien umfassen nachhaltiges Wirtschaften, Umweltaspekte, soziale Fragen und gute Unternehmensführung. Der Klimaschutz war lange ein zentrales Anliegen internationaler Investoren. Doch der Druck zum schnelleren grünen Umbau lässt nach. Hedgefonds wie Sachem Head, die bei Delivery Hero eingestiegen sind, drängen nun auf strategische Änderungen zur Steigerung des Aktienkurses. Die A&M-Analyse identifiziert 31 potenziell gefährdete deutsche Unternehmen, deren Umsatz- und Aktienrendite nicht den Erwartungen entsprechen.
Obwohl konkrete Namen in der Studie nicht genannt werden, gelten in Finanzkreisen der Chemiekonzern BASF und der Wettbewerber Lanxess als mögliche Ziele aufgrund ihrer Konglomeratsstruktur und schwachen Aktienperformance. Bayer steht ebenfalls im Fokus aktivistischer Investoren. Bloomberg nennt in seinem Ranking zudem Thyssen-Krupp, Hugo Boss und Aixtron als potenzielle Ziele. Der Schwenk der Hedgefonds weg von ESG-Themen hat mehrere Gründe. Große institutionelle Investoren, vor allem in Europa, legen weiterhin Wert auf Klimaschutz, doch in den USA steht das Thema nicht mehr an erster Stelle. Kleinere und mittelgroße Investoren rücken von einer ESG-Ausrichtung ab.
Ein Nachhaltigkeitsmanager eines deutschen DAX-Konzerns bestätigt, dass der Druck auf Unternehmen, hohe Renditen zu liefern, trotz aller Krisen unverändert hoch ist. Unternehmen verzichten daher zunehmend auf Investitionen in Nachhaltigkeit, die kurzfristig Kapital kosten und sich erst langfristig auszahlen. Dies zeigt sich am Beispiel von Shell und Unilever, die ihre Klimaziele nach hinten verschoben haben und dafür an der Börse belohnt wurden. Deutsche Unternehmen rudern ebenfalls bei ihren Klimaplänen zurück.
In Nullzins-Zeiten konnten sich Unternehmen problemlos refinanzieren. Nach der Zinswende jedoch rückt stärker in den Fokus, ob Gelder in Projekte mit hohen Renditeaussichten investiert werden. Aktivistische Investoren nutzen Kritik an der Kapitalallokation in ihren Kampagnen. Deutschland ist nach Großbritannien eines der beliebtesten Ziele der Hedgefonds in Europa. Standortnachteile wie hohe Energiekosten sind ein wichtiges Thema bei Gesprächen mit Firmenmanagern. Die Hedgefonds argumentieren rational, dass Kapital dort investiert werden sollte, wo das größte Wachstum und die beste Rendite zu erwarten sind.
Die größeren und bekannteren Hedgefonds suchen mittlerweile bevorzugt den direkten Austausch mit der Unternehmensführung hinter verschlossenen Türen. Öffentlich geführte Kampagnen werden seltener, wie die A&M-Datenbank zeigt. Unternehmen sind professioneller im Umgang mit den Hedgefonds geworden und weisen sie nicht sofort zurück. Ignorieren können sie die teils ungeliebten Anteilseigner jedoch nicht. Nach dem Einstieg von Sachem Head bei Delivery Hero stieg die Aktie um 25 Prozent. Die konkreten Ziele des Hedgefonds sind unklar, jedoch dürfte es um Performance-Verbesserungen und internationale Präsenz gehen. Bei Bayer wurde der US-Investor Jeff Ubben in den Aufsichtsrat gewählt, um die Aktionärssicht einzubringen. Bayer hat jedoch eine schnelle Aufspaltung zurückgewiesen. In Finanzkreisen wird erwartet, dass der Druck auf den Konzern wieder zunehmen wird, wenn keine Performance-Verbesserung erkennbar wird.
