Gerresheimer: Gläubiger gewähren Schonfrist – Aktie springt 20 Prozent
Banken und Schuldschein-Gläubiger verlängern die Frist für den testierten Jahresabschluss bis Ende September.

Der angeschlagene Verpackungskonzern Gerresheimer hat in seiner Bilanzkrise einen wichtigen Etappensieg errungen. Banken sowie 96 Prozent der Schuldschein-Gläubiger verlängern die Frist zur Vorlage des testierten Jahresabschlusses für das Geschäftsjahr 2024/25 bis Ende September. Das teilte das Düsseldorfer Unternehmen am Mittwochabend mit. Die Börse reagierte prompt: Am Donnerstag legten Gerresheimer-Papiere zwischenzeitlich um bis zu 20,8 Prozent zu.
Hintergrund der Einigung ist eine drohende Eskalation: Eine verspätete Bilanzvorlage hätte den Gläubigern das Recht eingeräumt, Kredite und Anleihen fristlos zu kündigen. Zusätzlich verzichten die Banken bis Ende August auf ihr Kündigungsrecht für den Fall, dass Gerresheimer die vereinbarten Verschuldungsgrenzen aus den Kreditauflagen überschreitet. Die Vereinbarung verschafft dem Konzern damit dringend benötigten Spielraum.
Bilanzierungsstreit mit Prüfern dauert an
Gerresheimer streitet seit Monaten mit seinen Abschlussprüfern über die korrekte Bilanzierung bestimmter Geschäftsvorgänge. Die Finanzaufsicht BaFin hatte dem Unternehmen bereits im Herbst Bilanzierungsfehler vorgeworfen. Derzeit überprüft eine Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Geschäfte aus den Jahren 2024 und 2025 sowie deren Verbuchung in der Bilanz.
Diese Untersuchung verzögert die Aufstellung des Jahresabschlusses voraussichtlich bis Juni. Die Konsequenzen waren bereits spürbar: Wegen der anhaltenden Verspätung flog Gerresheimer kürzlich aus dem Kleinwerteindex SDax. Das Unternehmen selbst peilt weiterhin eine Fertigstellung der Bilanz bis Ende Juni an.
Finanzvorstand Wolf Lehmann zeigte sich erleichtert über die Einigung mit den Kreditgebern: „Wir freuen uns sehr über die breite Unterstützung durch unsere Kreditgeber. So können wir die im Rahmen unserer Untersuchungen identifizierten Geschäftsvorgänge weiter transparent aufarbeiten und unseren Jahres- und Konzernabschluss 2025 finalisieren." Lehmann verwies zudem auf eine klare Strategie zur Verbesserung der Kapitalstruktur: „Wir haben mit dem Verkauf von Centor zudem eine klare Strategie, wie wir noch in diesem Jahr unsere Kapitalstruktur signifikant verbessern."
Centor-Verkauf soll Schuldenlast senken
Bereits im Februar hatte Gerresheimer die US-Tochter Centor zum Verkauf gestellt. Das Unternehmen stellt Verpackungssysteme für verschreibungspflichtige Medikamente in den USA her. Gerresheimer hatte Centor vor elf Jahren für 725 Millionen Dollar erworben. Nun soll die Investmentbank Morgan Stanley noch in diesem Jahr einen neuen Käufer finden. Laut Unternehmensangaben gibt es bereits eine zweistellige Zahl von Interessenten.
Mit dem Erlös aus dem Centor-Verkauf will Gerresheimer die hohe Schuldenlast spürbar reduzieren. Das operative Geschäft entwickle sich derweil im Rahmen der Erwartungen, so das Unternehmen. „Die Auftragslage ist solide", hieß es in der Mitteilung – ein Signal, das Anleger in der aktuellen Krisensituation beruhigen dürfte.
Für Privatanleger bleibt die Lage bei Gerresheimer dennoch komplex. Die Bilanzprobleme sind noch nicht abschließend geklärt, und der SDax-Ausschluss hat die Sichtbarkeit der Aktie bei institutionellen Investoren verringert. Die gewährte Schonfrist durch die Gläubiger ist jedoch ein deutliches Zeichen, dass die Kreditgeber weiterhin an eine Lösung glauben – und gibt dem Management Zeit, die nötigen Schritte umzusetzen.
