ETF-Vielfalt wächst: Aktive, Themen- und Hebel-ETFs im Überblick
Mehr als 3.000 ETFs stehen deutschen Anlegern zur Wahl – doch die wachsende Produktvielfalt bringt höhere Kosten und neue Risiken.

Wer heute Geld in börsengehandelte Fonds anlegen möchte, steht vor einer deutlich größeren Auswahl als noch vor wenigen Jahren. In Deutschland sind mehr als 3.000 ETFs erhältlich – fast doppelt so viele wie vor sechs Jahren. Lange galten Indexfonds als Inbegriff der einfachen und günstigen Geldanlage: Ein ETF streut das Anlegergeld über Hunderte bis Tausende Unternehmen und bildet einen Index nach. Dieses Bild hat sich verschoben.
Neben klassischen Indexfonds drängen Themen-ETFs, Smart-Beta- oder Faktor-ETFs, Hebel-ETFs und aktiv gemanagte ETFs auf den Markt. Aktive ETFs verfolgen eine eigene Strategie statt einfach einen Index nachzubilden – gesteuert von Fondsmanagern oder Computermodellen. Ihr Ziel: eine höhere Rendite als der Vergleichsindex oder eine Begrenzung des Risikos. Sie ähneln damit klassischen aktiven Investmentfonds, sind aber börsengehandelt und meist günstiger.
Diese Entwicklung verändert die Kostenstruktur der Branche. Während der Wettbewerb die Gebühren klassischer Indexfonds drückt, zahlen Anleger für komplexere Produkte deutlich mehr. Für Privatanleger lohnt deshalb ein genauer Blick auf Inhalt, Risiken und Kosten eines ETF – die Auswahl ist bequemer geworden, die Orientierung aber schwieriger.
Die Details
Die Zahlen zeigen, wie schnell aktive ETFs an Bedeutung gewinnen. In den ersten acht Monaten des Jahres 2026 entfielen 23 Prozent aller europäischen Neuauflagen auf aktive ETFs. Im Jahr 2022 lag dieser Anteil erst bei 3,2 Prozent. Das verwaltete Vermögen aktiver ETFs erreichte Ende August 2026 rund 123 Milliarden Euro – seit Ende 2022 hat es sich damit nahezu verfünffacht.
Gemessen am gesamten ETF-Vermögen bleibt der Anteil aktiver Produkte jedoch klein. In Europa liegt er bei 3,8 Prozent, in den USA bei rund 13 Prozent. Europa hinkt dem US-Markt also deutlich hinterher, holt aber auf.
Auch bei den Kosten gibt es klare Unterschiede. Aktiv gemanagte Aktien-ETFs in Europa kosteten im Durchschnitt 0,37 Prozent pro Jahr (Stand August 2025). Passive Aktien-ETFs lagen bei 0,27 Prozent. Klassische aktive Aktienfonds sind mit durchschnittlich 1,32 Prozent pro Jahr deutlich teurer. Breite Index-ETFs auf den MSCI World oder den DAX gibt es bereits ab 0,1 Prozent Jahresgebühr oder weniger. Komplexe ETFs kosten dagegen 0,6 oder 0,7 Prozent – teilweise sogar noch mehr.
Wie stark sich solche Unterschiede summieren, zeigt ein Rechenbeispiel: Wer 20.000 Euro über 20 Jahre anlegt und eine Rendite von 6,0 Prozent vor Kosten erzielt, kommt bei jährlichen Kosten von 0,1 Prozent auf rund 62.900 Euro. Bei 0,7 Prozent Kosten sind es rund 56.100 Euro. Die Differenz beträgt etwa 6.800 Euro.
Die wachsende Produktvielfalt trifft auf eine wachsende Anlegerschaft. Rund 4,7 Millionen Menschen in Deutschland besaßen im Jahr 2025 ETFs – fast doppelt so viele wie 2022. Zugleich zeigt eine Umfrage des Geldratgebers Finanztip: Mehr als jeder fünfte ETF-Kenner hält die Produkte für schwer vergleichbar.
Hintergrund: Was bisher geschah
Die Entwicklung ist Teil eines länger anhaltenden Trends, den aktien.news bereits mehrfach beleuchtet hat. Bereits am 22.05.2026 berichtete aktien.news, dass ETFs immer skurriler werden – von UFO-Fonds bis Midnight-Bitcoin. Damals hieß es, die neueste Generation dieser Produkte habe mit dem Bild des günstigen Grundbausteins kaum noch etwas gemein. Laut Morningstar wurden allein bis Mitte Mai dieses Jahres 466 neue ETFs aufgelegt, die zusammen ein Vermögen von 62,3 Milliarden US-Dollar einsammelten. Die durchschnittlichen jährlichen Kosten dieser Neuzugänge beliefen sich auf 0,69 Prozent.
Am 24.07.2026 berichtete aktien.news über die ETF-Flut 2025 und eine sogenannte Spaghetti-Kanonen-Strategie der Fondshäuser. Bis Mitte Juli wurden demnach bereits 1.084 neue ETFs an den Börsen notiert. Anbieter lancieren möglichst viele Produkte gleichzeitig, in der Hoffnung, dass einige davon den nächsten großen Markttrend treffen.
Am 24.09.2026 folgte die Meldung, dass Anleger in diesem Jahr bereits mehr als 1,5 Billionen US-Dollar in ETFs investiert haben – mehr als im gesamten Jahr 2025. Und schon am 05.05.2026 hatte aktien.news berichtet, dass aktive ETFs den jahrelangen Gebührenverfall der Branche stoppen: Die vermögensgewichtete durchschnittliche Kostenquote für ETFs stieg in den Jahren 2024 und 2025 laut Daten von FactSet leicht an, weil aktive Fonds mit höheren Gebühren Marktanteile gewinnen.
Was das für Anleger bedeutet
Für Privatanleger bedeutet die größere Auswahl nicht automatisch bessere Ergebnisse. Aktive ETFs versprechen zwar eine höhere Rendite als der Vergleichsindex oder eine Risikobegrenzung – garantiert ist diese Outperformance jedoch nicht. Studien zeigen, dass Fondsmanager den Markt langfristig häufig nicht schlagen. Auch Smart-Beta- und Faktor-ETFs können schlechter abschneiden als klassische Indexfonds.
Besondere Vorsicht gilt bei Themen-ETFs, die auf Trends wie Künstliche Intelligenz oder Rüstung setzen. Sie enthalten oft nur eine begrenzte Zahl von Unternehmen und bergen ein Timing-Risiko. Ali Maserwah vom Fondsanalysehaus Envestor bringt es auf den Punkt: "Viele Themen-ETFs kommen erst dann auf den Markt, wenn schon jeder erkannt hat, dass das jetzt ein Anlagethema ist. Die Kurse sind dann schon sehr weit vorausgelaufen."
Auch bei den Gebühren rät der Experte zur Wachsamkeit. "Für komplexe ETFs zahlen Anleger 0,6 oder 0,7 Prozent – teilweise sogar noch mehr", so Maserwah. Hebel-ETFs, die tägliche Kursbewegungen vervielfachen, verstärken Gewinne wie Verluste gleichermaßen und eignen sich nicht als langfristige Anlage.
Günstige klassische Indexfonds sind weiterhin verfügbar – die Kunst besteht darin, sie in der wachsenden Flut an Produkten zu finden. Anleger sollten vor dem Kauf prüfen, was ein ETF tatsächlich enthält, welche Risiken er birgt und was er kostet.
Ausblick
Ob sich der Trend zu aktiven und komplexen ETFs fortsetzt, hängt vom weiteren Anlegerverhalten ab. Die Zuflüsse in ETFs insgesamt befinden sich auf Rekordkurs, und die Zahl der Neuauflagen steigt weiter. Solange Anleger bereit sind, für aktiv gemanagte Produkte höhere Gebühren zu zahlen, dürfte der Kostendruck auf klassische Indexfonds bestehen bleiben. Für Privatanleger wird es damit umso wichtiger, die eigene Anlagestrategie nicht aus der Hand zu geben.
Kurz erklärt
- ETF: Ein börsengehandelter Fonds, der einen Index nachbildet und dessen Anteile wie Aktien gehandelt werden.
- Aktiver ETF: Ein börsengehandelter Fonds, bei dem Fondsmanager oder Computermodelle eine eigene Strategie verfolgen statt einen Index nachzubilden.
- Hebel-ETF: Ein Fonds, der die täglichen Kursbewegungen eines Index vervielfacht und dadurch Gewinne wie Verluste verstärkt.
