Colossal Biosciences: Wie De-Extinction die Menschheit revolutionieren könnte
Schreckenswölfe und Wollmammuts als Schlüssel zu längerer Lebenserwartung, Krebsbekämpfung und neuen Gentherapien für den Menschen.

Colossal Biosciences hat bereits drei gentechnisch veränderte Schreckenswolf-Welpen erschaffen und arbeitet intensiv an der Wiederbelebung des Wollmammuts. Das US-Unternehmen steht damit im Zentrum einer wissenschaftlichen Revolution, die weit über spektakuläre Tiere hinausgeht. Die Technologien der sogenannten „De-Extinction" könnten laut CEO Ben Lamm auch die menschliche Gesundheitsversorgung grundlegend verändern.
Die drei Wolfswelpen mit den Namen Romulus, Remus und Khaleesi wurden von Haushunden als Leihmütter geboren. Für ihre Erschaffung entnahm das Team genetisches Material aus einem Schädel und einem Zahn, die hunderte Jahre alt waren. Mithilfe von KI-Modellen rekonstruierte Colossal das Genom des Schreckenswolfs und glich es mit seinem nächsten lebenden Verwandten, dem Grauwolf, ab. Aus editierten Zellen moderner Grauwölfe entstanden schließlich die Embryonen.
Kritiker werfen dem Unternehmen vor, keinen echten Schreckenswolf wiederbelebt, sondern lediglich einen gentechnisch veränderten Grauwolf erschaffen zu haben. Lamm bezeichnete dies auf dem CNBC AI Forum als ein „semantisches Argument", bei dem man „den Wald vor lauter Bäumen nicht sieht". „Grauwölfe sind im Grunde nur genetisch veränderte Schreckenswölfe. Sie wurden lediglich von der Natur oder Gott verändert, oder wie auch immer man es klassifizieren möchte", sagte er.
Wollmammut soll in den 2030er-Jahren geboren werden
Beim Wollmammut-Projekt verfolgt Colossal einen ähnlichen Ansatz: Hier wird ein Asiatischer Elefant genetisch modifiziert. Lamm erklärte gegenüber dem Magazin Time, dass das Unternehmen die Geburt eines Wollmammuts in den 2030er-Jahren anstrebt. „Wir nennen es ein Wollmammut. Denn wenn es wie eine Ente aussieht, wie eine Ente quakt und die ökologischen Funktionen einer Ente erfüllt, dann ist es aus unserer Sicht eine Ente", so Lamm. Neben Schreckenswolf und Wollmammut arbeitet das Unternehmen auch an der Rekonstruktion des Dodos, des Beutelwolfs (Tasmanischer Tiger) und des Riesenvogels Moa.
Die Ursprünge von Colossal Biosciences reichen auf ein Treffen im Jahr 2019 zurück, bei dem Lamm den Harvard-Genetiker George Church kennenlernte – den er als „wohl den Vater der synthetischen Biologie" bezeichnet. Church, der das Personal Genome Project initiierte, hatte bereits seit Jahrzehnten davon geträumt, das Wollmammut zurückzubringen. Gemeinsam entwickelten sie eine Vision, die CRISPR und weitere Werkzeuge der Genomtechnik für Naturschutz, Medizin und darüber hinaus nutzbar machen soll.
Die ökologischen Vorteile der De-Extinction sind dabei nur ein Teil des großen Plans. Gentechnisch veränderte Wollmammuts könnten etwa zur Bekämpfung des Klimawandels beitragen, indem sie die Schneedecke in arktischen Regionen festtrampeln und so den Boden gefroren halten. Gleichzeitig könnten sie durch das Umstoßen von Bäumen wärmeabsorbierende Wälder in Grasland umwandeln.
Von der Tierforschung zur menschlichen Gesundheit
Der eigentliche Mehrwert liegt laut Lamm jedoch in den medizinischen Anwendungen. Die Prozesse rund um die De-Extinction eröffnen neue Türen in der Genomtechnik und der Entwicklungsbiologie – mit Auswirkungen auf „alles, von Mikroben über Plastik in den Ozeanen bis hin zu Gentherapien und gezielter Wirkstoffverabreichung beim Menschen sowie der Ausrottung genetischer Krankheiten", sagte er.
Ein von Colossal ausgegründetes Unternehmen namens Astromech erforscht dabei das Phänomen der „konvergenten Evolution". Dabei wird untersucht, warum sich ähnliche Arten in Immunität und Gesundheit unterscheiden – etwa warum Elefanten nur zu einem Bruchteil der Rate an Krebs erkranken wie Menschen. Diese Erkenntnisse könnten genutzt werden, um Herausforderungen im menschlichen Gesundheitswesen oder bei Pandemie-Reaktionen zu lösen. Astromech wurde im März laut D Magazine mit 2 Milliarden US-Dollar bewertet.
Lamm sieht das Unternehmen auch im Kontext einer globalen Biodiversitätskrise. „Wir befinden uns in einer Krise der biologischen Vielfalt, daher benötigen wir diese Werkzeuge, da wir in den nächsten 25 Jahren etwa die Hälfte der biologischen Vielfalt verlieren werden", warnte er. Kryokonservierung, Biobanken und genetische Rettung seien dringend notwendige Instrumente.
Milliardenbewertung und breite Investorenbasis
Die ambitionierten Ziele haben Colossal Biosciences für Investoren äußerst attraktiv gemacht. Im Juli gab das Unternehmen eine von TWG Global angeführte Serie-C-Finanzierungsrunde über 200 Millionen US-Dollar bekannt, wodurch die Bewertung auf 10,2 Milliarden US-Dollar stieg. Insgesamt hat Colossal seit seiner Gründung mehr als 435 Millionen US-Dollar eingesammelt.
Bemerkenswert ist dabei die Zusammensetzung der Investorenbasis: Lamm zufolge kommen 30 Prozent der Investoren „über ihre Kinder" zum Unternehmen – ein Zeichen dafür, wie stark das Thema De-Extinction besonders junge Menschen begeistert. „Wenn wir die nächste Generation inspirieren und sie für Wissenschaft, Bildung und Naturschutz begeistern können und dann eine Plattform für synthetische Biologie aufbauen, die für so viele verschiedene Anwendungsfälle genutzt werden kann, dann ist das die eigentliche Mission hier", sagte Lamm. „Unsere Kinder werden unsere Probleme erben und die Entscheidungen darüber, wie wir sie lösen."
Vergleiche mit „Jurassic Park" begegnet Lamm mit Humor, aber auch mit Klarheit. „Ich muss die Leute auf X ständig daran erinnern, dass es nur Filme waren. Ich glaube nicht, dass Jurassic Park irgendwelche Modelle für den Naturschutz oder den allgemeinen Nutzen für die Menschheit beinhaltete", sagte er. Da keine lebensfähige Dinosaurier-DNA mehr verfügbar ist, bleibt die Wiederbelebung von Dinosauriern ohnehin faktisch unmöglich.
