Cerebras-Aktie: Vom Warnruf zum Kaufargument nach dem Kurssturz
Der Analyst Paul Meeks warnte vor dem Kauf der Cerebras-Aktie. Nach einem Kursrückgang von 72 Prozent sieht er nun fast 91 Prozent Aufwärtspotenzial.

Der Technologieanalyst Paul Meeks, Managing Director und Leiter der Technology Research bei Freedom Capital Markets, hat seine Haltung zur Aktie des KI-Chipherstellers Cerebras Systems grundlegend gedreht. Der in Sunnyvale in Kalifornien ansässige Konzern war im Mai an die Börse gegangen. Meeks gefiel die Technologie, doch er hielt die Aktie für massiv überbewertet – und veröffentlichte sogar einen Bericht, der Anleger ausdrücklich davor warnte, das Papier zu kaufen.
Nun, da die Aktie rund 72 Prozent unter ihrem Höchststand liegt, erkennt der kontrapositionelle Investor eine völlig andere Chance. Die Kursentwicklung gibt ihm für beide Phasen recht: Vom IPO-Preis von $185 stieg die Aktie bis auf $386. Diese Niveaus tat Meeks als nicht gerechtfertigt ab. Aktuell notiert das Papier bei rund $107. Sein Kursziel bei Freedom Capital Markets liegt bei $209 – das entspricht einem Aufwärtspotenzial von rund 91 Prozent gegenüber dem aktuellen Niveau.
Dass die Bewertung so stark gelitten hat, hat mehrere Gründe. Die Cerebras-Aktie wurde vom breiteren Halbleiter-Verkaufssturm mitgerissen, doch es gibt auch unternehmensspezifische Bedenken, die den Kurs belasten. Diese Bedenken drehen sich vor allem um einen einzigen, sehr großen Kunden und die Frage, ob die Technologie des Unternehmens sich gegen die Konkurrenz behaupten kann.
Die Details
Eines der größten Probleme betrifft OpenAI. Der KI-Pionier macht etwa $20 billion des vertraglich gebundenen Geschäfts von Cerebras aus. Spekulationen, dass OpenAI für ein neues KI-Modell Nvidia-Chips statt der Cerebras-Hardware verwendet habe, haben Fragen bezüglich der Beziehung aufgeworfen. Meeks hält diese Befürchtungen für übertrieben. Cerebras baut seine Rechenkapazitäten noch aus, und es sei durchaus möglich, dass OpenAI in der Zwischenzeit auf Nvidia zurückgreifen musste. Am langfristigen Wert der Partnerschaft ändere das nichts.
Auffällig ist die Größe des vertraglich gebundenen Geschäfts im Verhältnis zum aktuellen Umsatz. Cerebras verfügt über etwa $25 billion an verbleibenden Leistungspflichten, darunter etwa $20 billion, die mit OpenAI verbunden sind. Das steht in markantem Kontrast zu den rund $210 million Kernumsatz, die das Unternehmen im letzten Quartal erwirtschaftete.
Cerebras hat Beziehungen zu einigen der größten Namen der Technologiebranche aufgebaut, darunter OpenAI, AMD, AWS und Flex. Meeks erwartet, dass der Umsatz bis 2027 mehr als verdreifacht und auf etwa $2.8 billion steigt, wobei das Unternehmen auch cashflow-positiv wird. Voraussetzung dafür ist, dass Cerebras seine Rechenkapazitäten weiter ausbaut, um die Verpflichtungen zu erfüllen.
Das Herzstück des Unternehmens ist die sogenannte Wafer-Scale Engine. Im Gegensatz zu herkömmlichen Prozessoren packt der Chip von Cerebras enorme Rechenleistung und Bandbreite auf ein einziges Siliziumstück. Dadurch lassen sich große Datenmengen schnell verarbeiten, ohne dass Daten ständig zwischen separaten Chips hin- und herbewegt werden müssen. Dieses Design verleiht Cerebras nach Einschätzung des Analysten einen echten Wettbewerbsvorteil.
Jahrzehntelang ging es im KI-Wettlauf vor allem darum, größere und ausgefeiltere Modelle zu trainieren. Heute liegt die eigentliche Chance aus Sicht von Meeks im Inference: Dabei werden diese Modelle eingesetzt, um Inhalte zu generieren und Aufgaben auszuführen. Hier glänzt Cerebras – seine Technologie sei bestens geeignet für schnelles Inference und könne die GPUs von Nvidia herausfordern. Zugleich sieht Meeks eine Chance für Cerebras, die Technologie von Nvidia zu ergänzen, anstatt nur mit ihr zu konkurrieren.
Durch eine Partnerschaft mit Amazon Web Services entwickelt Cerebras einen Ansatz namens „Inference Disaggregation", der die Arbeit auf zwei Arten von Chips aufteilt. Die Trainium-Chips von AWS übernehmen die erste Verarbeitung einer Anfrage, bekannt als „Prefill", während Cerebras das „Decode" beziehungsweise die Generierung der Antwort übernimmt. Meeks zufolge könnte dies einen viel größeren Markt für Cerebras eröffnen.
Hintergrund: Was bisher geschah
Bereits am 08.06.2026 berichtete aktien.news, dass die Cerebras-Aktie um 3 Prozent auf 207,54 US-Dollar zulegte. Auslöser war damals die Aufnahme der Aktienabdeckung durch mindestens neun Wall-Street-Brokerhäuser nach Ablauf der obligatorischen Stillhaltefrist. Zu diesen Häusern gehörten die Konsortialführer des IPOs: Morgan Stanley, Citigroup, Barclays und UBS.
Am 05.10.2026 meldete aktien.news, dass die Aktie um 9 Prozent zulegte und damit einen Teil des Kursrutsches der Vorwoche wettmachte. Auslöser war eine Aussage von OpenAI-CEO Sam Altman, der Cerebras als „eng verbundenen Partner" bezeichnete und damit Investoren beruhigte. Zuvor hatte das Unternehmen in der vorangegangenen Woche einen Kurseinbruch von 20 Prozent auf den niedrigsten Stand seit seiner Notierung verzeichnet.
Am 11.10.2026 berichtete aktien.news, dass die Aktie unter ihren IPO-Preis gefallen war. Der erste Handelstag hatte bei 311,07 US-Dollar geendet, der Kurs notierte damals bei rund 165 US-Dollar – rund 47 Prozent unter dem ersten Schlusskurs. Am 12.10.2026 folgte der Bericht über den mehrjährigen OpenAI-Vertrag, mit dem Cerebras Nvidia herausfordert. Die dort beschriebene Wafer-Scale Engine kombiniert Rechenleistung, Speicher und Kommunikation auf einem einzigen, außergewöhnlich großen Chip.
Was das für Anleger bedeutet
Für deutsche Privatanleger ist die Geschichte von Cerebras ein Lehrstück über den Unterschied zwischen einer überzeugenden Technologie und einer überzeugenden Bewertung. Nach Einschätzung von Meeks konzentriert sich der Markt zu sehr auf die kurzfristige Unsicherheit und zu wenig darauf, was Cerebras werden könnte. Wer in den KI-Chip-Sektor investiert, muss zugleich die Dominanz von Nvidia einpreisen und die Frage beantworten, ob sich ein zweiter Anbieter dauerhaft etablieren kann.
Dabei sind die Risiken ausdrücklich benannt. Cerebras muss noch die Erfüllung seiner großen Kundenverpflichtungen beweisen und darlegen, dass seine Technologie in einem von Nvidia dominierten Markt erfolgreich konkurrieren kann. Der Analyst hält selbst keine Anteile an dem Unternehmen – weder persönlich noch durch die Firma. Seine Einschätzung ist eine Meinung, keine Kauf- oder Verkaufsempfehlung, und Anleger sollten sie um eigene Recherche ergänzen.
Ausblick
Meeks erwartet, dass der Umsatz von Cerebras bis 2027 mehr als verdreifacht und auf etwa $2.8 billion steigt, wobei das Unternehmen auch cashflow-positiv wird. Die zentrale Voraussetzung bleibt der Ausbau der Rechenkapazitäten, um die rund $25 billion an verbleibenden Leistungspflichten zu bedienen. Sein Kursziel liegt bei $209. Ob sich diese Erwartung erfüllt, hängt maßgeblich von der weiteren Entwicklung der OpenAI-Beziehung und der Nachfrage nach Inference-Leistung ab.
Kurz erklärt
- Wafer-Scale Engine: Ein Chip-Design, das Rechenleistung, Speicher und Kommunikation auf einem einzigen großen Siliziumstück vereint, statt Daten zwischen vielen Einzelchips zu verteilen.
- Inference: Die Phase, in der ein bereits trainiertes KI-Modell in der Praxis eingesetzt wird, um Inhalte zu erzeugen und Aufgaben auszuführen.
- Inference Disaggregation: Ein Ansatz, bei dem die Arbeit einer KI-Anfrage auf zwei verschiedene Chip-Typen aufgeteilt wird.
