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Börsenkrach von 1873: Die Geburtsstunde des modernen Antisemitismus

Wie ein spektakulärer Börsenabsturz nach der deutschen Reichsgründung alte Vorurteile in gefährliche Verschwörungstheorien verwandelte.

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Börsenkrach von 1873: Die Geburtsstunde des modernen Antisemitismus

Der Gründerkrach von 1873 gilt als eines der bedeutendsten finanziellen Ereignisse der Geschichte. Der spektakuläre Börsenabsturz folgte unmittelbar auf die Gründung des deutschen Kaiserreichs und löste eine schwere wirtschaftliche Krise aus. Doch sein beständigstes Erbe ist kein monetäres — es ist ein ideologisches.

Der FT-Podcast „The Story of Money" widmet sich in einer neuen Folge genau diesem dunklen Kapitel der Finanzgeschichte. Moderator Robin Wigglesworth spricht darin mit dem Pulitzer-Preisträger und Autor Liaquat Ahamed darüber, wie die wirtschaftliche Misere nach dem Krach soziale Spaltung schürte und alte Vorurteile in antisemitische Verschwörungstheorien verwandelte.

Der Krach als Katalysator für Hass

Die wirtschaftliche Not, die der Gründerkrach hinterließ, bot einen gefährlichen Nährboden für Ressentiments. Ahamed beschreibt, wie die daraus resultierende gesellschaftliche Verunsicherung dazu beitrug, Sündenböcke zu suchen und jahrhundertealte Vorurteile in neue, pseudowissenschaftliche Verschwörungstheorien zu gießen. Es war, so die These, die Geburtsstunde des modernen Antisemitismus in seiner organisierten Form.

Diese Ideen, die im Zuge des Gründerkrachs entstanden und sich in der Folgezeit festigten, sollten Jahrzehnte später im 20. Jahrhundert mit katastrophalen Folgen wieder auftauchen. Die historische Verbindung zwischen wirtschaftlicher Krise, gesellschaftlicher Spaltung und dem Aufstieg extremistischer Ideologien ist damit ein zentrales Thema der Folge — und ein mahnendes Beispiel für die Wechselwirkung von Finanzgeschichte und politischer Geschichte.

Ahamed hat dem Thema ein eigenes Buch gewidmet: „1873: The Rothschilds, the First Great Depression, and the Making of the Modern World", das 2026 erscheint. Als ergänzende Lektüre empfiehlt der Podcast das Werk „Gold and Iron: Bismarck, Bleichröder, and the Building of the German Empire" von Fritz Stern aus dem Jahr 1977 — ein Klassiker, der die Verflechtung von Finanzwelt und Politik im Deutschen Kaiserreich beleuchtet.

Historische Einordnung für deutsche Leser

Für deutsche Leser ist der Gründerkrach von besonderer Bedeutung. Der Begriff „Gründerkrach" leitet sich von der sogenannten Gründerzeit ab — jener Phase des wirtschaftlichen Aufbruchs nach der Reichsgründung 1871, die von Spekulation und überschwänglichem Optimismus geprägt war. Als die Blase platzte, traf die Krise Deutschland und Österreich besonders hart und hinterließ tiefe gesellschaftliche Wunden.

Die Podcast-Folge ist Teil der Reihe „The Story of Money", die von Gillian Tett und Robin Wigglesworth moderiert wird. Wer die Sendung nicht verpassen möchte, kann sie auf allen gängigen Podcast-Plattformen sowie auf dem eigenen YouTube-Kanal der Show abonnieren. Zudem lädt die Financial Times am 5. September zu einem Live-Event in den Kenwood House Gardens in London ein, bei dem die FT Weekend-Zeitung zum Leben erweckt wird — auch eine Online-Teilnahme ist möglich.

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