Aktien riskant, doch Alternativen ebenso: Fondsmanager Edelsten warnt vor Flucht
Simon Edelsten von Goshawk Asset Management erklärt, warum er trotz hoher Bewertungen und KI-Konzentration nicht aus Aktien flieht.

Wer heutzutage viel Investmentkommentar liest, wird schnell zu dem Schluss kommen, dass es Zeit ist, das Portfolio aufzulösen und die Flucht zu ergreifen. Der Befund hat einen realen Kern: Eine hohe Konzentration im globalen Aktienindex liegt in einem winzigen Cluster von Unternehmen, deren zukünftiger Erfolg vom Ausbau einer Technologie mit ungewisser Profitabilität abhängt. An der Spitze steht SpaceX, deren Kurswert etwa dem 100-Fachen des Umsatzes entspricht. Möglicherweise bald folgt Anthropic, das bei seinem bevorstehenden Börsengang eine Bewertung von 4,2 Billionen US-Dollar anstrebt, während es Einnahmen von nur 4,59 Milliarden US-Dollar ausweist.
Warum also gehen die Warnsirenen nicht los, obwohl die Halbleiteraktien in dieser Woche schmolzen? Weil keine der anderen Optionen derzeit deutlich sicherer erscheint. Das ist die Kernaussage von Simon Edelsten, Fondsmanager bei Goshawk Asset Management, in einem Beitrag für den InvestmentsmyFT Digest, der direkt ins Postfach geliefert wird. Er prüft darin systematisch die Alternativen zu Aktien – und kommt zu einem differenzierten Ergebnis.
Die Details
Beginnen wir mit Bargeld. Der nominale Betrag auf dem Bankkonto mag stabil aussehen, seine Kaufkraft ist es nicht. In den vergangenen fünf Jahren sind die Stromrechnungen um 50 Prozent gestiegen. Bewertet man das Bargeld in Kilowattstunden, ist es um ein Drittel gesunken. Dazu kommt eine inflationäre Gemengelage: Der Ölpreis lag in dieser Woche über 107 US-Dollar pro Barrel, und abgesehen vom US-Präsidenten glaubt eine schrumpfende Zahl von Menschen, dass die Straße von Hormus bald wieder geöffnet wird.
Demgegenüber stehen die globalen Aktienmärkte, die in den vergangenen fünf Jahren um mehr als 70 Prozent gestiegen sind. Die akademische Theorie besagt, dass diese höheren Renditen eine Zahlung für das Eingehen eines höheren Risikos sind. Edelsten hält dieses Argument nicht für vollständig überzeugend. Zwar können mit Pfund Sterling investierte 1.000 Pfund in Aktien plötzlich auf 700 Pfund oder weniger fallen – auf eine Weise, die Bargeld nicht zulässt. Doch mit der Inflation im Blick sehen diese nominalen Beträge anders aus. Es kann dauern, aber Aktienkurse können sich erholen; Bargeld tut dies nicht.
Die Unternehmen, in die investiert wird, leben in der realen Welt, und ihre Gewinne bieten irgendwann einen gewissen Inflationsausgleich. Handelt es sich um gute Unternehmen, können sie ihre Preise erhöhen, wenn Kostendruck entsteht. Halten die Margen stand, sollten die Gewinne entsprechend der Inflation plus jeglichem zugrunde liegenden realen Wachstum des Geschäfts steigen. Das sollte schließlich auch die Aktienkurse stützen. Ein ausgewogenes Portfolio globaler Aktien weist zudem weitere risikomindernde Merkmale auf: Es kann einen Schwerpunkt auf Aktien legen, die weniger von Inflation betroffen sind – etwa unpopuläre Telekommunikationsunternehmen, die ihre Rechnungen meist mindestens im Inflationsrate erhöhen –, sowie auf Länder mit niedrigerer Inflation.
Wie sieht es mit Staatsanleihen aus? Die Investitionsweisheit besagt, dass steigende Renditen bei sogenannten risikofreien Anlagen riskantere Vermögenswerte wie Aktien unattraktiver machen und normalerweise zu fallenden Preisen führen – was bisher nicht der Fall war. Edelsten sieht Grenzen dieser Theorie. Erstens erscheint ihm die Vorstellung, Anleihen seien „risikofrei“, als dieselbe Sophistik wie die Behauptung, Bargeld sei sicher. Eine britische Staatsanleihe (Gilt) mit 30-jähriger Laufzeit, im April 2021 zu 100 Pfund emittiert, notiert heute bei 40 Pfund. Und „inflationssichere“ Anleihen sind nicht die Lösung: Der Name ist irreführend, denn der Kaufpreis spiegelt immer die zum damaligen Zeitpunkt erwartete Inflation wider. Man verdient Geld, wenn die Inflation höher ausfällt als erwartet, und verliert, wenn sie niedriger ist.
Hintergrund: Was bisher geschah
Die Debatte ist nicht neu. Bereits am 12.06.2026 berichtete aktien.news, dass die Sorge unter Anlegern wächst, zu stark in US-Aktien investiert und zu sehr dem Boom der künstlichen Intelligenz ausgesetzt zu sein. Dutzende Investoren äußerten Bedenken, dass die Konzentration im US-Markt gefährlich hoch ist; in einem S&P-500-Indexfonds flossen 47 Prozent des investierten Kapitals in lediglich zwei Branchen – Technologie und Kommunikation –, allein auf den Chipkonzern Nvidia entfielen fast 8 Prozent des gesamten Index. Als Ausweg empfahlen Experten einen Blick nach Europa als ernstzunehmende Investitionsalternative.
Am 01.05.2026 berichtete aktien.news über Inflationsschutz und die Frage, ob sich das Inflations-Playbook von 2022 lohnt. Der IWF erwartete damals, dass die britische Inflation in diesem Jahr einen Höchststand von 4 Prozent erreicht – verglichen mit einer Prognose von 2,5 Prozent vor dem Konflikt –, was dem Doppelten der Zielrate der Bank of England entspricht.
Am 04.10.2026 folgte der Bericht, dass Anleger verstärkt nach Wegen suchen, ihre Portfolios gegen eine zu starke Konzentration auf KI abzusichern, weil Finanzmärkte und US-Wirtschaft zunehmend von der Gesundheit des KI-Sektors abhängen. Mehr als zwei Drittel der Unternehmen im Russell-1000-Index der großen US-Konzerne sind laut Forschungen von Citigroup direkt mit KI verbunden oder integrieren die Technologie.
Und am 15.08.2026 schilderte aktien.news den Fall eines 75-jährigen Privatanlegers mit einem Portfolio von über 10 Millionen US-Dollar, der fragte, warum man überhaupt Aktienrisiken eingehen sollte, wenn sichere Staatsanleihen attraktive Renditen bieten. Beide von ihm beschäftigten Berater rieten übereinstimmend, investiert zu bleiben – Hauptargument: Die Inflation sei die größte Bedrohung für sein Vermögen.
Was das für Anleger bedeutet
Für deutsche Privatanleger liefert der Beitrag mehrere Anknüpfungspunkte. Erstens: Die Wahl lautet nicht „Aktien oder Sicherheit“, sondern ist eine Abwägung zwischen unterschiedlich gearteten Risiken. Bargeld verliert real an Kaufkraft, wie das Beispiel der um 50 Prozent gestiegenen Stromrechnungen zeigt. Zweitens: Die Bewertungsdebatte ist differenzierter, als sie oft dargestellt wird. Verglichen mit sehr langfristigen Daten wie dem Shiller-Index erscheinen heutige Bewertungen extrem hoch – allerdings, weil moderne, technologisch geprägte Märkte gegen historische Märkte gemessen werden, die von Banken und Ölkonzernen dominiert wurden und tendenziell niedrige Kurs-Gewinn-Verhältnisse aufweisen. Rechnet man die Tech-Aktien aus den US-Indizes heraus, liegen die restlichen Indizes auf vernünftigen Bewertungen. Und Aktien in der breiteren Welt – vom Vereinigten Königreich über Japan bis China – handeln zu historisch normalen Bewertungen.
Ein Beispiel aus dem Portfolio des Autors: Schneider Electric, der französische Hersteller elektrischer Geräte, hat gerade 22,6 Milliarden US-Dollar ausgegeben, um einen US-Robotikspezialisten zu kaufen. Edelsten besitzt die Aktie und hält den Deal für gut; der Markt denkt anders. Der Kurs ist in zwei Wochen um 12 Prozent gefallen, wodurch die Aktie auf das 21-Fache des nächsten Jahresgewinns bewertet wird. Auch Alibaba – der chinesische Einzelhandelsriese, der nun das größte Cloud-Computing-Unternehmen des Landes ist – ist mit dem 2-Fachen des Umsatzes moderat bewertet, obwohl der Großteil dieser Umsätze aus dem Online-Shopping stammt und nicht aus KI. Edelsten hält Anteile. Hinzu kommen unpopuläre Aktien von Kohlenwasserstoffproduzenten: Das Öldienstleistungsunternehmen SLB wird zum 12-Fachen des Gewinns gehandelt. Und Mid- und Small-Cap-Aktien haben den Technologieboom weitgehend verpasst; sie könnten in diesen Marktbedingungen etwas geschützt sein, weil sie sich nicht über den Anleihenmarkt finanzieren und ihre Bewertungen historisch nicht überbewertet sind. Eine Kauf- oder Verkaufsempfehlung lässt sich daraus nicht ableiten.
Ausblick
Der entscheidende Unsicherheitsfaktor bleibt der Anleihenmarkt. Alle westlichen Regierungen haben sich in eine Situation gebracht, in der sie in den kommenden Jahren eine enorme Menge an Schulden emittieren müssen. Die USA finanzieren Steuersenkungen, Frankreich Renten, Großbritannien Wohlfahrt, Wohnraum, Busfahrpreise, Verteidigung und den NHS. Am dringlichsten sind die Emissionsprobleme der USA, da das US-Finanzministerium anscheinend versäumt hat, sich bei niedrigen Zinsen durch langfristige Anleihen zu finanzieren. Die USA haben eine Verschuldung von mehr als 40 Billionen US-Dollar, was nahezu 300.000 US-Dollar pro Haushalt entspricht. Die Schuldendienstzahlungen sind in fünf Jahren um 150 Prozent gestiegen. Davon befinden sich etwa 7,25 Billionen US-Dollar in Schatzscheinen, die innerhalb eines Jahres refinanziert werden müssen – das entspricht über 22 Prozent des BIP. Die entsprechenden Werte liegen bei 8 Prozent für Großbritannien, 10 Prozent für Frankreich und 7 Prozent für Japan.
Zusätzlich dazu, dass das Finanzministerium all diese Mittel dem Kreditmarkt entzieht, müssen traditionelle Unternehmen ihre fälligen Anleihen roll-overn. Hinzu kommt die zusätzliche Milliarde US-Dollar, die die Bauunternehmen von KI-Rechenzentren nächstes Jahr benötigen könnten. Dies könnte die Anleihezinsen weiter in die Höhe treiben. Sollte der Anleihenmarkt unter dem Gewicht der Emissionen des US-Finanzministeriums und im KI-Sektor stolpern, könnte der Abschwung in den Aktienmärkten kurzfristig sehr scharf ausfallen. Was stark gestiegen ist, kann stärker fallen, als manche erwarten. Edelsten zieht seine Fluchtschuhe dennoch nicht an.
Kurz erklärt
- Kurs-Gewinn-Verhältnis: Kennzahl, die den Aktienkurs ins Verhältnis zum Gewinn je Aktie setzt und zeigt, wie teuer ein Unternehmen bewertet ist.
- Staatsanleihe: Von einem Staat ausgegebenes Wertpapier, mit dem sich der Staat Kapital leiht und dafür Zinsen zahlt.
- Inflationsindexierte Anleihe: Anleihe, deren Verzinsung oder Rückzahlung an die Inflationsentwicklung gekoppelt ist.
- Mid- und Small-Cap-Aktien: Aktien von Unternehmen mittlerer und kleiner Marktkapitalisierung.
